
Darf ich sagen, dass ich an der Erft wohne, auch wenn mein Zuhause einen guten Kilometer vom Ufer entfernt liegt? Aber sicher! Denn selbst wenn nicht, hier bei uns im Kreis, der ja ursprünglich auch nach ihr „Erftkreis“ benannt wurde, ist die Erft doch allgegenwärtig. Und das nicht nur im Alltag, sondern auch in diesem Blog.
Ich habe mal nachgeschaut: In unzähligen meiner Beiträge taucht unser Flüsschen auf, vor allem, wenn es um den Erft-Radweg geht. Der hat, trotz aller Widrigkeiten, immer wieder großes Leserinnen- und Leserinteresse gefunden.
Aber halt, um den Zustand des Radwegs oder die anhaltende Sperrung an der Kiesgrube bei Erftstadt-Blessem soll es heute nicht gehen. Das Hochwasser von 2021 hat dort katastrophale Spuren hinterlassen, die uns alle noch lange beschäftigen werden.
Trotzdem spielt das Hochwasser indirekt eine Rolle in meiner heutigen Geschichte. Meine Radtour am vergangenen Samstag führte mich an einigen Vorrichtungen entlang, die damals dafür sorgten, dass es flussabwärts, beispielsweise dort, wo ich wohne, bei Weitem nicht mehr so schlimm war wie am Oberlauf. Es waren nicht leicht zu entdeckenden Heldinnen und Helden im Hintergrund, die das Schlimmste verhinderten.
Doch bevor ich weiter von meiner Tour schwärme, möchte ich euch kurz etwas über die Erft erzählen.
Die Erft entspringt in Nettersheim in der Eifel und fließt von dort aus etwa 106 Kilometer nordwärts. Auf ihrem Weg durchquert sie den Rhein-Erft-Kreis und wird dabei maßgeblich durch den Braunkohletagebau beeinflusst, da ihr Verlauf an einigen Stellen verlegt wurde. Kurz hinter Kerpen teilt sich die Erft auf natürliche Weise in die Große Erft und die Kleine Erft. Sie vereinigen sich später wieder, bevor sie in Neuss-Grimlinghausen in den Rhein mündet.
Die Erft war historisch von großer Bedeutung für die Region. Zahlreiche Wassermühlen säumten ihre Ufer und nutzten die Wasserkraft für die Landwirtschaft und das Handwerk. Im Laufe der Industrialisierung wurde der Fluss jedoch kanalisiert und begradigt, um ihn schiffbar zu machen, das Hochwasserrisiko zu senken und die Entwässerung der umliegenden Braunkohle-Tagebaue zu gewährleisten. Diese Eingriffe veränderten das natürliche Fließgewässer stark, was heute in Renaturierungsprojekten teilweise rückgängig gemacht wird.
Am Samstag hatte ich mir fest vorgenommen, mal wieder Richtung Süden zu strampeln, also in Richtung Erftstadt. Der Name der Stadt ist ja schon eine Hommage an unseren Fluss! Es gibt dorthin verschiedene Wege, aber ich wollte unbedingt auf dem Erft-Radweg fahren, zumindest bis zur Gymnicher Mühle.
Auf diesem Abschnitt zwischen Kerpen und Erftstadt ist die Erft größtenteils begradigt und kanalisiert. Das klingt erst mal nicht besonders romantisch, ist aber trotzdem faszinierend, denn man sieht viele Bauwerke, die sowohl den Wasserfluss regulieren als auch vor Hochwasser schützen. Genau das hat sich 2021 bewährt, als das Hochwasser der Erft in diesem Bereich gezielt auch durch solche Wehre in den Broichwald bei Kerpen geleitet wurde.

Die Flutung hat zwar dort für Schäden gesorgt, aber flussabwärts Schlimmeres verhindert. Dennoch ist der Broichwald, wie auch der nahe Parrigwald, nicht ganz unbeschwert. Letzte Woche hat ein Sturm wieder Bäume umgeworfen, und ich hoffe, das nahegelegene Wehr wurde nicht beschädigt. Aber der Erftverband passt auf seine Einrichtungen und die des Flusses gut auf, da bin ich mir sicher.

Solche Einblicke in die Natur und Technik sind es, die mich antreiben. Deswegen entschied ich mich, nicht schon am Schloss Türnich die Brücke über die Erft zu nehmen, sondern geradeaus weiter in Richtung Gymnich am Fluss entlang zu fahren. Ich wusste, dass dort gerade das Spannendste überhaupt passiert. Denn auch wenn die Erft hier noch begradigt verläuft, liegt die Betonung auf „noch“. Bald soll sie hier renaturiert und in ihr ursprüngliches Bett verlegt werden!
Man sieht schon überall die Anzeichen: Erdbewegungen, Baumaßnahmen und gesperrte Wege, die sämtliche Erftquerungen in diesem Bereich blockieren.

Am deutlichsten sind die Bauarbeiten kurz vor Gymnich zu sehen, wo gestern Bagger und Baueinrichtungen die Aufmerksamkeit einiger Spaziergänger und Radfahrerinnen auf sich zogen.

Spaziergängerinnen und Radfahrer, weil die Erft, besonders auf diesem Abschnitt, weitgehend vom Autoverkehr verschont ist. Klar, es gibt in der Nähe große Straßen, aber der Weg entlang der Erft ist ein Traum. Ab und zu ein Betriebsfahrzeug des Erftverbandes, aber ansonsten nur Natur pur!
Die Renaturierung der Erft ist ein spannendes Projekt, das man mit dem Rad wunderbar beobachten kann. An einem Abschnitt hier bei uns ist das ja sogar schon geschehen.
Bei Bergheim-Kenten, also etwas Fluss abwärts, zeigt die Renaturierung, wie man der Natur auf die Sprünge helfen kann. Von Februar bis Dezember 2013 wurde der schnurgerade Kanal der Erft in ein neues, geschlängeltes Bett umgeleitet. Der alte Graben wurde verfüllt, und heute fließt das Wasser wieder in natürlichen Mäandern. Das Ergebnis ist eine lebendige Auenlandschaft, die nicht nur für Radfahrende ein Genuss ist, sondern auch den Hochwasserschutz verbessert und der Artenvielfalt dient. Ein perfektes Beispiel, dass ein kleiner Umweg manchmal der schönste Weg ist.
Und jetzt ist der Abschnitt zwischen Gymnich und der Gymnicher Mühle dran.
Das, was gerade hier zu sehen ist, ist der Beginn einer großen Verwandlung. Offizieller Baustart für die Renaturierung zwischen Gymnich und Kerpen-Türnich war im Juni 2024. Die Arbeiten sollen voraussichtlich Ende 2025 abgeschlossen sein.
Bisher fließt die Erft auch hier in einem begradigten und kanalisierten Bett. Das neue, naturnah gestaltete Bett wird sich aber deutlich davon unterscheiden. Es wird sich auf einer Strecke von 2,5 Kilometern zu einem kurvenreichen, mäandrierenden Flusslauf von insgesamt 5,5 Kilometern Länge entwickeln. Das Ziel ist es, dem Fluss mehr Raum zu geben, seine Fließgeschwindigkeit zu reduzieren und dadurch die biologische Vielfalt zu erhöhen. So entstehen neue Lebensräume für Pflanzen und Tiere, die sich in dem monotonen Kanal nicht wohlfühlen konnten.
Neben dem neuen Flussbett werden auch drei neue Brücken gebaut, um die Rad- und Wirtschaftswege offen zu halten. Auch eine neue Wehranlage entsteht. Ein besonders interessanter Aspekt: Rund 280.000 Kubikmeter Boden werden bewegt, aber komplett innerhalb des Projektgebiets wiederverwendet. Das ist nicht nur nachhaltig, sondern zeigt auch, wie viel „Umland“ ein Fluss braucht, um sich wirklich entfalten zu können.
Für uns als Radfahrerinnen und Radfahrer bedeutet das, dass wir das Entstehen eines neuen, lebendigen Flussabschnitts hautnah miterleben können. Das ist doch ein schöner Grund, immer mal wieder in die Pedale zu treten, oder?
Genau das war es mir gestern wert, die Strecke abzufahren. Aber nach diesen Eindrücken querte ich dann bei Gymnich die Erft und fuhr westwärts ein wenig zickzack nach Hause, insgesamt knapp 50 Kilometer mit Lunetta, meinem ICE Adventure HD Liegedreirad.
Aber noch ein kleiner Spoiler. Ein Vögelchen zwitscherte in mein Ohr, dass es bald auch Überlegungen geben soll, den Erftradweg an der Kiesgrube in Blessem neu und vielleicht wieder näher an der Erft selber zu führen und damit die Sperrung und Umleitung dort aufzuheben. Klar, sobald ich etwas weiß, werde ich berichten.

Kommentar verfassen