
Materialschlacht oder Minimalismus? Meine Erkenntnisse von der Messe Essen
Zurück von der Messe Essen und der Roadshow des Pressedienst Fahrrad. Was soll ich sagen: Es war inspirierend und verwirrend zugleich. Inspirierend, weil es wirklich viel zu sehen gab – verwirrend, na ja, da komme ich gleich im Detail zu. Gestern auf der Messe machte ich zwei Erfahrungen, die mich ziemlich nachdenklich gestimmt haben. Eine gibt es heute, die andere folgt nächste Woche.
Der Trend zur „SUVisierung“

Bei der Roadshow im Deutschen Sport- und Olympiamuseum stellte Gunnar Fehlau den Begriff „Crossover“ in den Mittelpunkt. Sein Kernpunkt: Die Grenzen zwischen den Radgattungen verwischen zunehmend. Räder werden so gebaut, dass sie möglichst vielen Zwecken dienen sollen. Das klingt erst einmal gut, führt aber in der Realität zu einer regelrechten Materialschlacht.
Starke Motoren, dicke Reifen, Blinker hier, ein massives Anbauteil da – das Ergebnis sind schwere, klobige Monster. Schon während des Vortrags hatte ich ein ungutes Gefühl im Hinterkopf. Will ich solche „Panzer“ wirklich fahren? Ein Blick in die amtliche Unfallstatistik gibt meiner Skepsis leider recht: Während die Zahl der Verkehrstoten insgesamt eher sinkt, ist bei Radfahrenden ein gegenteiliger Trend zu beobachten. Besonders alarmierend ist die Entwicklung bei Elektrorädern: Die Zahl der tödlichen Unfälle mit Pedelecs hat sich in den letzten zehn Jahren fast verfünffacht. Viele dieser Vorfälle sind Alleinunfälle. Die Dinger sind für den „Durchschnitts-Radfahrer“ oft schlicht zu schwer, zu klobig und übermotorisiert. Wer sein Rad nicht mehr sicher beherrschen kann, lebt gefährlich. Hast du dich auf einem modernen E-Bike auch schon mal unsicher gefühlt? 🚲
Wenn Falträder keine Falträder mehr sind

Dieser Trend setzt sich leider bis ins Segment der Falträder fort. Was ich in Essen sah, gab mir echte Rätsel auf. „Riesen“-Falträder, die sich nur noch sehr eingeschränkt falten lassen. Welchen Zweck erfüllen die eigentlich? Sicher nicht den eines Begleiters für die „letzte Meile“ in der Bahn. Ich schaffe es gerade so, mein Brompton G Line samt Tasche die Treppe hochzutragen, wenn der Aufzug mal wieder streikt. Bei den meisten E-Falträdern der Messe wäre das völlig unmöglich. An den Ständen wurde auch konsequent nicht mit intermodaler Mobilität geworben, sondern damit, dass die Räder in den Kofferraum passen. Also mit dem Auto ins Grüne fahren, um dort durch die Natur zu brettern? Nein danke, da bin ich raus.
BZEN: Die Entdeckung der Leichtigkeit
Dann kam der Moment der Verwirrung – im absolut positiven Sinne. Ich hatte mir einen Vortrag der Firma BZEN notiert. Ehrlich gesagt dachte ich erst, das sei ein chinesischer Hersteller und wollte mal schauen, was die so machen. Doch am Stand sah ich ein Rad mit dem Design Award 2026, das wie ein klassisches, elegantes „Damenrad“ aussah. Schnell wurde klar: BZEN ist eine belgisch-polnische Firma, die einen völlig anderen Weg geht.
Die Geschichte hinter der Marke ist spannend: Gründer Pierre Detry wollte ein E-Bike für seine Frau finden, damit sie gemeinsam radeln konnten. Er fand am Markt aber nur schwere, komplizierte Maschinen, die eher abschreckend wirkten. So entstand das Konzept, E-Bikes speziell für Frauen (und alle, die es unkompliziert mögen) zu entwickeln. Hier geht es nicht um Muskelspiele, sondern um Sicherheit und intuitive Handhabung. Ein BZEN-Rad wiegt oft nur um die 15 kg – ein Segen, wenn man es doch mal heben muss.
Mein Test mit dem „London“

Ich bin das Modell „London“ mit Oberrohr probegefahren. Was soll ich sagen? Ich war baff. Es fährt sich ohne Unterstützung wie ein ganz normales, agiles Stadtrad. Wenn man den Hinterradmotor von Bafang dazuschaltet, kommt genau die richtige Portion Schub, die man im Alltag braucht, ohne dass das Rad einen „überholt“.
Alles an diesem Rad folgt dem Prinzip: Nur das Notwendige, das aber in höchster Perfektion. Keine klobigen Displays, keine unnötige Schwere. Es ist die perfekte Antwort auf die „SUVisierung“. Ein minimalistisches, aber funktional ausgereiftes Konzept, das einfach Spaß macht. Mir gefällt das richtig gut. Hast du schon mal ein E-Bike unter 16 kg ausprobiert? ✨
Fazit: Massentauglicher Minimalismus vs. Materialschlacht
Das war meine Irritation des Tages. Auf der einen Seite die hochgezüchteten Panzer, auf der anderen Seite ein kluges, leichtes Konzept, das eigentlich viel besser zum Gedanken des Radfahrens passt. Welchen Weg würdest du wählen? 🧐
Was meint ihr? Schreibt es mir in die Kommentare!

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