Take a ride on the wild side

Sicher einmalig

Gestern habe ich schon vom aufregenden Beginn des Dienstags geschrieben. Und in Aussicht gestellt, dass das noch nicht alles gewesen sein sollte.
Tatsächlich kam dann auch noch etwas ganz Besonderes. Es war schon lange geplant und vereinbart, und ich hatte die ganze Zeit bereits mit Spannung und Vorfreude darauf gewartet.

Also strampelte ich vom Arzt in Köln aus zurück nach Horrem und dort zum Place to be für die nächsten Stunden:
The Burning Bandit Tattoo Studio, wo Nina schon auf mich wartete und alles vorbereitet hatte. Und dann war erst einmal alle Eile vergessen, die Welt blieb draußen, es zählte nur, was jetzt geschehen sollte. Ein weiteres Motiv wartete darauf,
in die Haut gestochen zu werden. Zum ersten Mal hatte ich mir eine Vorlage ausgesucht, die ich genau so tätowiert haben wollte. Nina, die Tätowiererin, und ich hatten in einem Vorgespräch schon herausgefunden, wie groß es sein und wohin es sollte. Und ein Format und einen Platz gefunden. 

Das Motiv ist eine Tuschezeichnung, die mich an eine Freundin erinnert, weil sie sie mir einmal geschenkt hatte. Es handelt sich natürlich um ein Rad in einer besonderen Darstellung. Die Zeichnerin hatte in das Vorderrad eine Landschaft mit vielen Details eingearbeitet. Das alles sollte möglichst detailgetreu auf die rechte Brust, mit dem Lenker oberhalb des Schlüsselbeins und dem Vorderreifen knapp über der Brustwarze. 

Ich war neugierig und gespannt. Die Schablone hatte Nina schon auf der Grundlage unseres Vorgesprächs angefertigt. Aber Teile der Landschaft im Vorderreifen waren nicht in der Schablone. Als Nina mein (inneres) Stirnrunzeln bemerkte, erklärte sie: Zu viele kleine Details verschwimmen auf der Haut, wenn sie auf die Haut aufgedrückt werden. Deswegen hatte sie sie aus der Schablone weggelassen und fügte sie später von Hand ein.

Also, die Schablone auf die Haut, es brauchte noch einen Versuch, weil mein Schlüsselbein besonders behandelt werden wollte. Aber dann war es so weit.

Die ersten „Stiche“ sind immer ungewohnt. Es sind ja auch nicht einzelne Stiche, ich weiß gar nicht richtig, wie ich es beschreiben soll. Es gibt nichts Vergleichbares, was man im Alltag erleben könnte. Es tut nicht wirklich weh, aber ich spüre es deutlich, dass es „unter die Haut“ geht. 

Nach einer Gewöhnung dann auf einmal Schmerz: Nina kommt an Stellen, die empfindlicher sind als die, an denen sie gerade war. Um dann den nächsten Strich ein paar Zentimeter weiter wieder schmerzfrei zu ziehen. 

So nimmt das alles seinen Lauf. Mal unterhalten wir uns, mal muss ich wegatmen, was gerade passiert. Mal muss sie sich besonders konzentrieren, um der Vorlage genau gerecht zu werden. Nach einer knappen Stunde eine Pause, die ersten Teile des Rades sind geschafft. 

Manchmal bin ich wie in Trance. Spüre, nehme die Nadeln und die Tinte auf. Versinke ein wenig in der Liege, schaue zwar an die Decke, sehe aber nichts. Meine Tattoo-Muse, meine liebe Nichte, hat mir auch davon berichtet, dass es ihr manchmal so geht. 

Ich spreche mit Nina über ihre Technik. Vor allem über das Abwischen der frisch gestochenen Stellen. Ich habe das aus der Vergangenheit als sehr unangenehm in Erinnerung, insbesondere, je länger es dauerte. Die Tätowierer bisher verwendeten ein Stück Küchenrolle und Vaseline und übten dann damit viel Druck beim Abwischen aus. Das war immer nach einiger Zeit schmerzhaft, meist mehr als das Stechen selbst. Das ist bei Nina nicht so. Sie verwendet auch ein Zewa, allerdings mit etwas Flüssigkeit. So spüre ich das Abwischen gar nicht und das macht das ganze Tätowieren sehr viel schöner und angenehmer. 

Nach über vier Stunden ist das Werk vollendet. Halt! Da fehlt noch etwas. Nina bemerkt es. In einem der Bremshebel zeigt die Vorlage eine Schattierung, das Tattoo aber nicht. Also noch einmal auf die Liege, noch einmal ein paar Striche, ich merke es kaum. 

Meine Haut ist gerötet, die Brust zeigt neben dem wunderschönen Motiv deutliche Spuren der Beanspruchung der letzten Stunden. Das wird noch ein paar Tage so sein, das weiß ich von meinen bisherigen Sessions. Aber dann wird meine Brust für immer das Abbild der Tuschezeichnung zur Erinnerung tragen.

Danach steht schon die erste Pflege des frischen Tattoos an. Das Anbringen einer Second Skin erwies sich angesichts der Berg- und Talfahrt auf meiner Brust und über das Schlüsselbein als unmöglich. Also die klassische Frischhaltefolie, die ich seither auch weiter benutze. 

Die Haut muss nun heilen, mein Eindruck ist gerade, dass das schnell vonstattengeht. Vielleicht hat das auch mit Ninas „Abwischtechnik“ zu tun, die ich oben beschrieben habe. Denn das war bei dem sehr flächigen WARUMICHRADFAHRE.BLOG Tattoo auf meinem rechten Unterarm, das ebenfalls Nina gemacht hat, auch schon so. Die Heilung verlief auch dort überraschend schnell. Dennoch werde ich natürlich brav mindestens drei Tage lang die Folie erneuern und das Tattoo dabei pflegen. Vielleicht ab Samstag werde ich es dann unbedeckt tragen. 

So etwas ist sicher einmalig. Jedes Mal. Ich schreibe zum ersten Mal so ausführlich darüber, weil es dieses Mal ein besonderes Erlebnis war, sowohl, was das Motiv anbelangt, wie auch vom Tätowiervorgang durch Nina selbst. Ich würde ja sagen, gerne jederzeit wieder, aber ich weiß noch nicht, ob es nach diesem Tattoo noch reizvolle Motive für mich geben wird. Ach, ich lasse es auf mich zukommen. 

Danke, Nina!

Kommentare

  1. Ich finde das ganz schön mutig!

    1. Oh, was genau?

  2. Ich glaube ich wäre zu feige um mich stundenlang mit Nadeln stechen zu lassen.

    1. Ich würde das nicht feige nennen. Respekt davor ist vollkommen normal. Dem hab sogar ich noch. Deswegen mache ich es auch nur für besondere Motive

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