
Ein hier nicht namentlich genannter ehemaliger Verkehrsplaner der Stadt Kerpen soll einmal gesagt haben, nein er hat es sogar gesagt, ich war sogar nach meiner Erinnerung dabei, dass, solange er Verkehrsplaner in Kerpen ist, keine Farbe auf die Straße kommt.
Nun, entweder hätte dieser Verkehrsplaner keine berufliche Zukunft in der Stadt Tübingen gehabt, oder, falls doch, die Stadt südlich von Stuttgart würde noch das trostlose radverkehrspolitische Dasein der Stadt Kerpen fristen.
Die Frage stellt sich in dieser Form nicht mehr, denn, wie gesagt, der Verkehrsplaner ist ehemalig, die Stadt Kerpen weiterhin farblos, dafür die Stadt Tübingen aber bunt, und wie.
Genauer gesagt: blau.

Überall in der Stadt sind blau gekennzeichnete und eindeutig markierte Radwege vorhanden, vor allem auf großen Straßen und an prominenten Stellen wie am Bahnhof und zur Zufahrt an das ebenfalls vorhandene Fahrrad-Parkhaus dort.

Und, kaum zu glauben, es macht total Spaß, darauf Rad zu fahren. Die farbigen Wege sind optisch einfach klar und mental geben sie mir das Gefühl, „meine“ Straße zu haben.
Das blaue Highlight ist natürlich die Fahrrad-Brücke über die Eisenbahngleise. Sie beginnt unmittelbar hinter dem Bahnhof in einem eigens für Fahrräder eingerichteten Kreisverkehr.

Dort fährt man die Brücke hinauf, aber nicht, wie ich es auch schon an anderen Fahrradbrücken erlebt habe, steil und mit engen Kurven, sondern mit einer sanften Steigung und einer leichten Verschwenkung. Oben kann man die Gleisanlagen bewundern, die man gerade überquert. Und auf der anderen Seite geht es genau so sanft verschenkt und abfallend, wieder hinunter. Ich bin die Brücke von beiden Seiten aus gefahren, das gleiche angenehme Fahrgefühl.
Nicht monumental. Elegant, leicht, schön.
Auch hier noch einmal eine kleine Reminiszenz an Kerpen: seit Jahren diskutieren wir dort über eine Autobahnquerung für Radfahrerinnen und Radfahrer. Ein Blick nach Tübingen lohnt: einfach kopieren.
Manchmal gibt es auch wenig Blau. Eigentlich nur Piktogramme auf unglaublich breiten Radfahrstreifen.

Das ist nicht etwa in irgendeinem verkehrstechnisch unbedeutenden Außenbezirk, sondern auf der Straße inmitten der Stadt entlang der Altstadt.
Ich bin nicht so weit durch Tübingen gefahren auf dieser Fahrt und auch mit einem (sehr) ungewohnten Rad. Aber, ich habe mich als Radfahrer jederzeit sicher gefühlt und wusste auch zu jedem Zeitpunkt, wo mein Weg ist und wie er nach der nächsten Kreuzung weiter geht. Es war von der Verkehrsführung her wie Autofahren, fast noch klarer, deutlicher, übersichtlicher.
Im ziemlich hügeligen und während unseres Aufenthaltes auch ziemlich nassen Tübingen waren überall Räder unterwegs. Sie scheinen, neben den ebenfalls sehr gut ausgebauten öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Zufußgehen die meistgenutzten Verkehrsmittel zu sein.
Eine Anregung: es könnte eine bessere Versorgung mit Mieträdern geben. Ich bin ja in Stuttgart die wirklich guten Räder der RegioRadStuttgart gefahren. Warum sich die Regio nicht bis ins 20 Kilometer entfernte Tübingen erstreckt, erschließt sich mir nicht. Die gewöhnungsbedürftigen DOTT Räder und die Leihräder der Radstation, bei deren Ausleihe und Rückgabe man an die Öffnungszeiten der Station gebunden ist, sind für die wahrscheinlich vielen Menschen, die mal schnell in der Stadt von A nach B wollen, keine wirkliche Option. Also, vielleicht mal in Stuttgart anrufen.

Ich finde ansonsten: absolut vorbildlich. Absolut lebenswert. Mit einem guten Plan dahinter.
Mein jüngerer Sohn ist hierher gezogen. Ich werde bestimmt öfter hier sein.

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