Take a ride on the wild side

Tagebau, Trasse, Traum-Radweg: Die Veedelstour mit Geschichts-Boost

Nordrandweg Collage PowerPoint Roter Überweg Sppedway Aussichtspunkt

Liebe Leser*innen meines Blogs, liebe Fahrrad-Fans und alle, die uns über die Suchmaschine gefunden haben! Schön, dass ihr wieder dabei seid.

Ihr wisst ja, dass ich die Veedelstouren meistens spontan plane. Oft sogar noch am selben Tag oder nur ganz kurz davor. Und häufig ist eine Nachricht, etwas, das ich aufschnappe, oder, wie letzten Mittwoch, ein Zeitungsartikel der Auslöser.

Am Mittwochmorgen lag da der Kölner Stadtanzeiger. Darin ging es um die Wasserwirtschaft, die mit der Verwandlung des Tagebaus Hambach in einen See verbunden sein wird. Der Artikel spielte an der großen Aussichtsplattform, dort, wo der Speedway auf den Tagebau trifft und wo in Zukunft pro Sekunde 14 Kubikmeter Rheinwasser in das riesige Loch laufen werden. Und genau dorthin, zu dieser Plattform, wollte ich die nächste Veedelstour machen.

Das sind etwa 15 Kilometer vom Startort in Horrem entfernt. Nachdem wir Heppendorf hinter uns gelassen hatten, führte uns der Weg gute 5 Kilometer direkt am Nordrand des Tagebaus entlang. Die Straße heißt dort passenderweise auch so. Seit einigen Jahren gibt es hier einen wirklich schönen Radweg, der – ungewöhnlich für eine Strecke außerorts – als Fahrradstraße ausgewiesen ist.

Der Status als Fahrradstraße hat für uns Radfahrende den unschlagbaren Vorteil, dass wir an den ganzen Einmündungen, beispielsweise aus Elsdorf, ganz offiziell Vorfahrt haben. Um das zu unterstreichen, wurden die Radspuren über die meisten Einmündungen sogar noch mit einem roten Belag versehen. Dieser ist auch noch ein wenig angeraut, damit wir als Radler*innen auch etwas davon haben und spüren, dass wir an diesen Stellen tatsächlich etwas mehr aufpassen müssen, auch wenn wir Vorfahrt haben. Ein cleverer Schachzug des Bauherren, um uns gleichzeitig zu verwöhnen und zu ermahnen. Ein echtes Highlight für alle, die gerne schnell und sicher unterwegs sind!

Nach einer knappen Stunde und entspannter Fahrt erreichten meine fünf Mitfahrenden und ich schließlich den Aussichtspunkt und ich erklärte ein wenig von den gigantischen Wasserplänen.


### Faktenbox: Die Rheinwassertransportleitung – Blaupause für den Hambacher See

Die geplante Befüllung des Tagebaus Hambach mit Rheinwasser ist ein zentrales Projekt im Rheinischen Revier. Aufgrund des früheren Ausstiegs aus der Braunkohle soll die Flutung des Tagebaurestlochs zum Hambacher See bereits ab 2030 beginnen, anstatt wie ursprünglich geplant erst ab 2045.

Um die riesige Mulde – es ist das größte Restloch Europas – in absehbarer Zeit mit Wasser zu füllen, ist der Bau der Rheinwassertransportleitung (RWTL) notwendig. Dieses Infrastrukturprojekt umfasst eine etwa 45 Kilometer lange Trasse. Die Entnahmestelle befindet sich am Rheinufer bei Dormagen-Rheinfeld (Rheinstrom-km 712,6), wo ein Pumpbauwerk entstehen soll, das bis zu 18 Kubikmeter Wasser pro Sekunde fördern kann.

Das Wasser wird durch mehrere, bis zu 2,20 Meter dicke unterirdische Rohrleitungen transportiert. Die Trasse folgt größtenteils gebündelt der ehemaligen Bahntrasse der RWE Power AG und dem sogenannten Speedway, einer beliebten Rad- und Freizeitstrecke. Bei Grevenbroich-Allrath verzweigt die Leitung in die Zuleitungen für den Hambacher und den Garzweiler See.

Am Tagebau Hambach selbst ist das sogenannte Einleitbauwerk geplant, dessen Umfeld als Aussichtspunkt und Erholungsfläche unter dem Namen :porta sophia gestaltet werden soll. Der Baubeginn für die RWTL ist für Ende 2024/Anfang 2025 angesetzt. Radfahrer*innen und Spaziergänger*innen müssen während der rund fünfjährigen Bauzeit mit erheblichen Einschränkungen und Sperrungen auf dem Speedway und dem Nordrandweg rechnen, da diese Bereiche für die Bauarbeiten benötigt werden.


Nach der kleinen „Lehrstunde“ sollte es dann einen anderen, spannenderen Weg als den Hinweg zurück gehen. Ich entschloss mich, die alte Römerstraße zu fahren. Sie führt von der Tagebaukante durch Elsdorf über Grouven nach Thorr.


### Faktenbox: Die Via Belgica – Römische Hauptverkehrsader im Rheinland

Die Via Belgica ist eine ehemalige römische Fernstraße, die auch unter dem Namen Via Agrippinensis bekannt ist. Sie wurde wahrscheinlich bereits unter Kaiser Augustus gegen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. angelegt. Ihr Zweck war es, die militärische Verbindung zwischen der römischen Metropole Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln) und der Atlantikküste bei Boulogne-sur-Mer in der Provinz Gallia Belgica zu gewährleisten.

Die Straße war ein strategisches Meisterwerk: Der Straßenkörper erreichte inklusive der beidseitigen Entwässerungsgräben eine beachtliche Breite von 14 bis 18 Metern. Sie entsprach in der Kölner Innenstadt dem Decumanus Maximus (heutige Schildergasse und Neumarkt) und führte nach Westen als heutige Aachener Straße aus der Stadt heraus. Ihr schnurgerader Verlauf führte über Königsdorf und Elsdorf nach Iuliacum (Jülich) und weiter bis ins heutige Heerlen (Coriovallum) in den Niederlanden.

Ein großer Teil der ursprünglichen Trasse im Rheinischen Revier wurde durch den Tagebau Hambach zerstört. Archäolog*innen konnten die Trasse jedoch vor dem Braunkohleabbau untersuchen und dokumentierten an manchen Stellen bis zu zwölf übereinanderliegende Straßenschichten – ein eindrucksvoller Beweis für die lange Nutzung und die Wichtigkeit dieses antiken „Highways“.

Heute ist die Geradlinigkeit der Via Belgica im Gelände oft noch an Feldwegen und Straßenführungen ablesbar. Highlights entlang des erhaltenen oder markierten Verlaufs sind das Römische Grabmal in Köln-Weiden, die Nachbildung eines Meilensteins in Elsdorf-Esch und Informationstafeln, die an Standorten wie bei Elsdorf-Grouven über ehemalige Vici (Straßensiedlungen) und gallo-römische Tempelanlagen informieren. In der Zitadelle Jülich ist zudem ein originaler Querschnitt des Straßenkörpers der Via Belgica ausgestellt.


In Thorr fuhren wir dann allerdings hinüber zum Erftradweg und nach Hause. Da war es schon dunkel und wir erhielten ein paar schöne, mystische Eindrücke vom Revier bei Dunkelheit, bevor die Tour nach etwas über 30 Kilometern und zweieinviertel Stunden Fahrzeit in Horrem wieder endete.

Veedelstour Nachts im Revier Erftradweg Burg Grouven

War das jetzt eine Tour zum Tagebau-See oder eher eine Geschichtsreise? Am Ende war es beides. Und mal ehrlich: Diese Gegend ist so spannend und voller Kontraste, da muss man einfach mit dem Rad durch!

Ich hoffe, diese kleine Lehrstunde hat euch gefallen und ihr habt Lust bekommen, selbst mal Römerstraße und Fahrradstraße zu verbinden. Was war euer spannendster Fund auf einer Radtour? Erzählt es mir in den Kommentaren, ich bin gespannt! Liken und rebloggen dürft ihr den Beitrag natürlich auch sehr gerne!


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