Take a ride on the wild side

Umfluter, Renaturierung, Neffelbach: Mein Umweg wird zur Wissenslücke-Füllung

20251013 renaturierung neffelbach umfluter in kerpen

Moin, ihr lieben Radfahrenden und Blog-Leser:innen! 👋 Schön, dass ihr wieder mit dabei seid auf der täglichen Entdeckungsreise, die das Radlerleben so mit sich bringt.

Kennt ihr das? Manchmal hat man das Gefühl, die Welt ist in Rot und Weiß gestrichen. Überall Baustellen! Die rot-weißen Baken versperren unsere Wege, manchmal mit einem kleinen, hoffnungsvollen Durchlass, manchmal einfach als stumme Denksportaufgabe: Wie zur Hölle geht es hier weiter? Meist sind sie ja einfach nur ärgerlich.

Besonders ärgerlich ist es aber, wenn man eigentlich weiß, wo die Baustelle lauert, und trotzdem stur genau dort langfährt. 🤦‍♂️ Genau das ist mir diese Woche passiert. Meine gewohnte, geliebte Feierabendrunde sollte es sein: über den Erftradweg, durch Blatzheim, an Manheim vorbei und dann der schöne Radweg entlang des Neffelbachs am nördlichen Stadtrand von Kerpen, der „Zum Hubertusbusch“ heißt.

2025 10 13 35,90 #Gspot DE NW Runde durchs südliche Revier und Blatzheim
Karte: Openstreetmap Mitwirkende

Und, Überraschung (oder eher Nicht-Überraschung): Der Weg war natürlich gesperrt!

Radweg am Neffelbach, Sperrung, UMAP
Karte: Openstreetmap Mitwirkende

Ich wusste von dieser Baustelle, hatte es aber erfolgreich verdrängt. Ich mag den Weg einfach zu gerne und bin wie automatisch abgebogen, bis das rote-weiße Stoppschild mich jäh aus meiner Radel-Trance riss. Mist! 😩

Aber, und das ist das Schöne am Radfahren: Man macht aus der Not eine Tugend. Denn zum ersten Mal sah ich genauer hin und entdeckte das Schild, das verriet, warum hier dicht ist. Und das stand da:

“Renaturierung Neffelbach Umfluter”

Aha, okay, äh, what? Da steckte ja mehr drin als nur ein bisschen Bagger-Action! Das hat meinen inneren Rechercheur geweckt. Lasst uns die Begriffe mal gemeinsam „auseinander frickeln“, oder? So wird die Zwangspause zur spannenden Wissenslücke-Füllung! 😉

Renaturierung: Was unsere Natur wieder aufmöbelt

Renaturierung ist ein Begriff, der im Prinzip das Gegenteil von dem beschreibt, was Menschen oft jahrhundertelang mit der Natur gemacht haben. Es geht darum, ein durch uns beeinträchtigtes oder gar zerstörtes Ökosystem wieder in einen möglichst naturnahen Zustand zurückzuversetzen. Stellt euch vor, ein Fluss wurde begradigt wie eine Autobahn und in ein enges Betonbett gezwängt, damit er schneller fließt – das ist praktisch das Gegenteil von Natur. Renaturierung setzt hier an: Man gibt dem Fluss seine Kurven, flache Uferzonen und Auen zurück. 🏞️ Solche Maßnahmen können sich auf fast alle Lebensräume beziehen: von entwässerten Mooren, über kanalisierte Flüsse und Bäche, bis hin zu aufgegebenen landwirtschaftlichen Flächen oder sogar stillgelegten Industriearealen. Ziel ist immer, die Artenvielfalt (Biodiversität) zu erhöhen, den natürlichen Wasserrückhalt in der Landschaft zu verbessern (wichtig für den Hochwasserschutz!) und wieder vielfältige, ursprüngliche Lebensräume zu schaffen.

Auch hier im Rheinland tut sich in Sachen Renaturierung einiges, oft zum Glück in unmittelbarer Nähe unserer Radwege! Ein tolles Beispiel ist die Umgestaltung der Erft bei Gymnich, wo im Rahmen eines großen Projekts der Fluss wieder geschwungen und mit einer vielfältigen Auenlandschaft versehen wird. Auch in Kerpen selbst gibt es Projekte, die sich um die Entsiegelung von Flächen kümmern, um die Stadt nachhaltiger zu machen. Und ganz aktuell, wie wir an meiner Baustelle sehen: Die Renaturierung des Neffelbach-Umfluters in Kerpen selbst ist ein wichtiges Vorhaben des Erftverbands, das auch Teil der städtischen „Grünen Spange“ ist. So ein Blick hinter die rot-weißen Baken kann sich also echt lohnen!

Der Umfluter: Wie Wasser klug abbiegt

Nachdem wir die Renaturierung geklärt haben, kommen wir zum etwas technisch klingenden Umfluter. Kurz gesagt: Ein Umfluter ist ein künstlich geschaffener Wasserlauf, der in der Regel dazu dient, den Hauptstrom eines Gewässers um ein Hindernis oder eine Siedlung herumzuführen. Die Hauptfunktion ist dabei meist der Hochwasserschutz. 🛡️ Wenn ein Bach oder Fluss Hochwasser führt, kann der Umfluter einen Teil der Wassermassen aufnehmen und am kritischen Punkt – oft ein enger Stadtbereich oder eine Bebauung – vorbeileiten, um Überschwemmungen zu verhindern. In Kerpen, wo der Neffelbach einst mitten durch den Ort floss, wurde der Umfluter künstlich angelegt, um das Wasser bei Gefahr um die Bebauung herum zu führen. Die Bauweise ist oft geradlinig und kanalartig, da hier die schnelle Ableitung im Vordergrund stand. Bei der jetzigen Renaturierung geht es wahrscheinlich darum, diesen künstlichen, kanalisierten Umfluter ökologisch aufzuwerten und ihm ein naturnäheres Profil zu geben – sprich, dem Wasser mehr Raum und der Natur am Ufer mehr Vielfalt zu schenken. Clever, oder?

Der Neffelbach: Mehr als nur ein Bach

Und last, but not least: der Neffelbach selbst. Er ist ein wirklich spannendes Gewässer in unserer Region und alles andere als ein langweiliger „Graben“. 🧐

Seine Reise beginnt in der Eifel, genauer gesagt östlich von Zülpich, auf einer Höhe von etwa 338 Metern über dem Meeresspiegel. Von dort aus schlängelt sich der Neffelbach auf einer Länge von gut 40 Kilometern in nördlicher bis nordöstlicher Richtung durch die Zülpicher Börde und das Erftland. Sein Weg führt ihn durch zahlreiche Orte, bevor er bei Kerpen-Sindorf in den künstlichen Kerpener Bruchgraben und schließlich in die Erft mündet, die ihrerseits in den Rhein fließt. Auf seinem Weg verliert der Bach ordentlich an Höhe, was in der Vergangenheit seine große Bedeutungausmachte: Er war die Lebensader für die Landwirtschaft und vor allem für die Wasserkraft. Man erzählt, dass einst sage und schreibe 36 Mühlen direkt am Bach oder an abzweigenden Mühlengräben lagen! Heute ist zwar keine mehr in Betrieb, aber ihre historischen Spuren sind noch vielerorts zu finden.

Auch wenn der Neffelbach heute ruhiger vor sich hinplätschert, hat er in der Gegenwart durch seine Auen und renaturierten Abschnitte eine große ökologische Bedeutung, unter anderem als Teil des Naturparks Rheinland. Ein Thema, das alle Anwohner:innen, besonders aber seit dem Hochwasser 2021, sehr beschäftigt, ist das Hochwasser am Neffelbach. Durch die Verbauung und Begradigung in der Vergangenheit war der Bach bei Starkregen teils schnell überfordert. Die jetzigen Renaturierungsmaßnahmen, wie die am Umfluter, zielen deshalb auch darauf ab, dem Wasser mehr Raum zu geben und so den Hochwasserschutz zu verbessern – ein wichtiger Aspekt für alle, die in der Nähe wohnen.

Drei tolle Points of Interest am Neffelbach, die sich für eine Radel-Pause oder einen Abstecher lohnen:

  1. Die Wasserburg Efferen (bei Nörvenich-Hochkirchen): Eine wunderschöne, klassische rheinische Wasserburg, die nah am Bachlauf liegt und deren Ursprünge bis ins Mittelalter zurückreichen.
  2. Die Neffelbachaue bei Nörvenich: Ein renaturierter Abschnitt, der zeigt, wie schön der Bach sein kann, wenn er wieder frei mäandrieren darf. Oft ein tolles Naturerlebnis!
  3. Die historische Mühle in Kerpen-Blatzheim: Auch wenn sie nicht mehr mahlt, erinnert sie an die einstige wirtschaftliche Kraft des Neffelbachs. Ein schönes Fotomotiv auf eurer Tour!

O la la, da stehe ich also gerade, von Rot-Weiß ausgebremst! Ziemlich viel Stoff, der da zusammenkommt, oder? Wer hätte gedacht, dass hinter so einem kurzen Baustellenschild ein ganzes Universum aus Wasserbau, Ökologie und Regionalgeschichte steckt? 🤯

Das alles hatte ich noch gar nicht im Sinn, als ich leise fluchend an der Stelle war und mich wieder einmal auf den Umweg durch den Ort und durch Horden von Blechkisten machte. Aber schon auf dem Heimweg gingen mir die ersten Gedanken an diesen Blogbeitrag durch den Kopf. Typisch Radfahrer:in: Die Natur bremst einen aus, um die Neugier zu wecken!

Was denkt ihr über solche Zwangspausen mit Aha-Effekt? Habt ihr auf euren Touren auch schon spannende Entdeckungen an Baustellen gemacht, die euch mehr über eure Heimat gelehrt haben? Erzählt mir davon in den Kommentaren! 👇

Hat euch dieser kleine Exkurs in die Welt der Renaturierung gefallen und wollt ihr mehr über die Gewässer und Landschaften wissen, durch die ich radle? Dann lasst mir ein Like da und teilt den Beitrag mit euren Rad-Freund:innen!


Kommentar

  1. 36 einstige Mühlen am Neffelbach – Respekt.
    Weit vom Rheinland führt mich mein Weg nächste Woche zur „Grundmühle“ in der Böhmischen Schweiz. Ein mehr oder minder berühmter „Lost Place“, den ich nur durch Zufall in einem Touri-Prospekt der tschechischen Stadt Decin entdeckte.

    Ein entsprechender Blog wiwrd sicher folgen – sofern da was zu erleben ist.

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