Von Süchten, Gewohnheiten und Sehnsüchten

Als die Leute in meiner Umgebung nicht mehr umhin konnten, zu realisieren, dass ich nie ohne Rad aus dem Haus gehe, fühlten sie sich genötigt, mir immer mal wieder so vertraulich im Gespräch zu stecken, dass es ja schon etwas eine Sucht sei, der ich da unterliege. Die Männer taten das mit einer gewissen Überlegenheitsattitüde (nach dem Motto: voll in der Midlife Crisis, die arme Wurst), die Frauen mit einer mütterlichen Besorgnis (auch wenn sie viel jünger waren als ich). Meist quittierte ich das, hilflos, mit einem eher zustimmenden debilen Lächeln.

Ich konnte damals noch nicht erkennen, dass Menschen mir dies sagten, die keine Strecke über 500 Meter ohne Auto zurücklegen können (wie das ja für den Großteil unserer Bevölkerung weiterhin gilt). Die also tatsächlich süchtig sind, nach dem Blechgefängnis nämlich. Und die so ihr Verhalten als normal und meines als unnormal charakterisieren wollten. Komm uns bloß nicht damit, hieß das, mit Süchten wollen wir nichts zu tun haben.

Mittlerweile hat sich das gelegt. Offensichtlich haben alle erkannt, dass ich nicht bereit bin, meiner Sucht abzuschwören und ich im wesentlichen keine Gefahr für die eigene Suchterfüllung (Auto fahren) darstelle. Insofern wird mein Radfahren in die Kategorie „Angewohnheit“ gepackt und weniger argwöhnisch als vielmehr interessiert betrachtet, so wie eine Wette: Wann hört er doch auf damit? Kommt er etwa auch bei Regen mit dem Rad? Wann stürzt er das nächste Mal?

Nun ja. Ich höre nicht auf. Ich fahre auch bei Regen Rad. Und ja, ich stürze ab und zu. Und: klar ist es eine Sucht. Ich bin süchtig nach Radfahren. Nach frischer Luft. Nach Bewegung. Nach Bildern wie diesen:

Ich bin glücklich, wenn ich Rad fahren darf und werde missmutig, wenn ich ein paar Tage nicht Rad fahren kann (was Gott sei Dank selten bis nie vorkommt). Ich würde mich niemals mehr täglich selber in eine Blechkiste einsperren wollen. Ich liebe es, mich frei zu bewegen.

Deswegen ist Radfahren auch keine Angewohnheit und erst recht keine Gewohnheit. Es ist einfach die wunderschöne Art meiner Mobilität.

Jeden Tag stellen sich wichtige Fragen. Welches Rad nehme ich?

Was ziehe ich an?

Brauche ich Ersatz – oder Regenklamotten?

Wie weit fahre ich, wohin, welche Strecken, welche Oberflächen?

Ok, vieles davon läuft unbewusst oder mehr oder weniger routiniert ab. Aber vieles eben auch nicht.

Die spannendste Frage aber ist: Wen treffe ich heute? Und wen nicht? Gerade bei dieser Frage kommt Sehnsucht ins Spiel. Nach der Person oder den Personen, die nicht dabei sind, die fehlen.

Es war für mich vielleicht die überraschendste Erkenntnis und Erfahrung der letzten Jahre, dass Radfahren eine kommunikative und zutiefst soziale Veranstaltung ist. Ich kann auch alleine Radfahren, aber mit anderen zusammen ist es einfach unvergleichlich.

Foto: Anja Georg

Das beginnt mit meinen zufälligen Begegnungen mit immer den gleichen Menschen auf meinem Weg zur Arbeit. Wir sehen uns nicht sehr oft, aber wenn, reden wir immer miteinander und bringen uns auf den neuesten Stand.

Es sind Zufallsbekanntschaften, die dann so intensiv werden, wie mit Nils Rehagen, meinem Buddy beim WHEW100.

Es sind tiefe Freundschaften, wie mit meiner Best Bike Buddy Anja Georg, an deren Seite mich eine freundlich gesonnene Macht für viele Kilometer geführt hat.

copyright @verenafotografiert

Ich hab mir häufig, wenn ich allein oder ohne Dich, Anja, gefahren bin, sehnsüchtig vorgestellt, wie es wäre, die Strecke mit Dir zu fahren. Und mir gewünscht, das nachzuholen.

Und es sind die Fahrten in kleineren oder größeren Gruppen.

Critical Mass.

Sternfahrten.

Demonstrationen.

copyright @verenafotografiert

Touren.

Die Begegnungen, die Gespräche, mal flüchtig, mal tiefschürfend.

Häufig der gemeinsame Ausklang beim Essen nach den Fahrten. Flüchtige, aber auch bleibende Bekanntschaften, Freundschaften.

Es sind immer die Menschen, auf die sich meine Sehnsüchte richten.

Es ist all das und vor allem meine Bike Buddys, die das Lächeln auf mein Gesicht zaubern.

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