
Ihr wisst, dass ich hier normalerweise über die schönen Seiten des Radfahrens berichte und nur selten verkehrspolitische Themen behandele (obwohl das Berichten über die schönen Seiten des Radfahrens ganz bestimmt politisch ist). Heute will ich aber über meine „Dienstreise“ zum Symposium „Radverkehr im Rheinland – Zukunft gestalten“ der Radregion Rheinland berichten.
Ich war für den ADFC NRW dazu eingeladen und nahm an einem der beiden Podien als Sprecher teil. Und war dann doch überrascht, als die vornehmlich aus den Verwaltungen von Land, Kreisen und Zweckverbänden kommenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Podien für den Radverkehr eine ziemlich düstere Prognose zeichneten.
Zu wenig Geld und Personal, Schwierigkeiten mit unterschiedlichen Baulastträgerschaften, Probleme mit dem Umgang von strittigen Eigentumsfragen, zu viel Bürokratie bei Förderanträgen und und und. Einer der Teilnehmer konstatierte, dass „wir zu wenig auf die Kette“ bekommen. Und ich deutete das um in: es wird zu wenig für Radfahrende auf die Straße gebracht.
Und als dann der Abteilungsleiter Mobilität der Zukunft, Radverkehr, ÖPNV im Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen (MUNV) erklärte, dass das vom Fahrad- und Nahmobilitätsgesetz NRW geforderte landesweite Vorrangroutennetz erst Ende nächsten Jahres, also Ende 2025, fertig sei, war dann die Enttäuschung bei vielen Gästen der Veranstaltung (und der Podien) doch groß, soll dieses Vorrangroutennetz doch Klarheit bei der Priorisierung von Radverkehrsprojekten bringen. So wie es aus Wortbeiträgen anderer Diskussionsteilnehmer*innen klang, sorgt diese Verzögerung dafür, dass viele dringliche und wichtige Projekte gerade, weil diese Priorisierungsvorgabe noch nicht vorhanden ist, auch nicht angegangen werden.
Beim anschließenden Get Together fragte ich eine Zuhörerin, wie ihr die Veranstaltung denn gefallen habe. Sie sagte: „Mir hat sie gut gefallen, denn die Beiträge waren ehrlich!“
Das waren sie, in der Tat.
Meine eigenen Gedanken, die mir in der letzten Zeit nicht nur aus dieser Veranstaltung gekommen sind, bewegen sich dann doch stark um die Frage, wie wir bei der Gestaltung der Zukunft des Radverkehr denn erfolgreicher sein können.
Die meisten der Probleme, die ich gestern gehört habe, haben etwas mit dem Neubau von Radwegen zu tun. Diese Probleme kenne ich nun schon, seitdem ich im ADFC in Verantwortung bin, also schon ein paar Jahre. Und da, wo sich Lösungen für diese Probleme abzeichnen, werden sie noch viel Zeit in Anspruch nehmen.
Fortschritte beim Radverkehr gibt es aber auch, und nicht gerade wenige. Die haben aber nahezu alle damit zu tun, dass vorhandene Flächen saniert, umgestaltet oder anders genutzt werden.
Ich kenne ein paar wirklich gelungene sanierte straßenbegleitende Radwege in der Region. Meistens wurden die vorhandenen Radwege erneuert, mit einer ebenen Decke ausgestattet und auch in vielen Fällen mit Randmarkierungen verbessert. Auch wenn sie nicht breiter gebaut worden sind, bieten sie viel mehr Komfort als zuvor und werden auch gut angenommen.
In den Städten gibt es immer mehr Fahrradstraßen. Bestehende Straßen werden anders genutzt, der Radverkehr hat auf ihnen Vorrang. Zugegeben, da gibt es einen totalen Wildwuchs, leider gibt es noch keine Standards und ich glaube, daran muss noch gearbeitet werden. Aber Fahrradstraßen signalisieren: hier seid Ihr Radfahrerinnen und Radfahrer willkommen.
Und es gibt auch in einigen Städten ja schon Projekte, bisher vom Autoverkehr genutzte Spuren in Radfahrstreifen umzuwandeln. Was zum Beispiel in Köln auf den Ringen mit Sicherheit dazu geführt hat, dass die Domstadt im letzten Fahrradklima-Test des ADFC 2022 eine der Aufsteigerkommunen war. Übrigens: der aktuelle Fahrradklima-Test läuft noch bis Ende November, unbedingt mitmachen.
Ich glaube, wir werden alles tun müssen, neu bauen und sanieren und vorhandene Flächen anders nutzen. Ich glaube aber auch, dass wir uns durch die vorhandenen, spezifisch mit dem Neubau von Radverkehrsanlagen verbundenen Probleme, nicht aufhalten lassen dürfen. Sanierung und Nutzung vorhandener Flächen durch den Radverkehr helfen schon auch massiv und sind offensichtlich schnellere und erfahrbarere Fortschritte für den Radverkehr.
Meine „Dienstreise“ hatte auch noch einige weitere Aspekte, die wieder eher mit dem Radfahren und seinen schönen und auch skurilen Seiten zu tun haben. Es wird also weitere Berichte geben, in den nächsten Tagen. Freut euch darauf.

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