
Noch ein unglaublich erlebnisreicher Urlaubstag liegt hinter mir. Freitag ist bekanntlich Critical-Mass-Tag – und siehe da, auch in Lüneburg sollte eine Masse rollen. Also schwang ich mich auf mein treues GSpot und machte mich auf den Weg dorthin. Diesmal wollte ich auf Nummer sicher gehen: Komoot bekam von mir die klare Ansage, dass ich mit dem Rennrad unterwegs sei. Das Ergebnis? „Miese asphaltierte Radwege“ statt „supermiese nicht asphaltierte Feldwege“. Ein Fortschritt, den man mit einem Schmunzeln hinnimmt.
Weil ich dadurch recht früh in Lüneburg war, blieb noch Zeit für ein bisschen Stadterkundung. Mein erster Stopp: die Leuphana Universität. Ein architektonisch spannender Komplex, der fast wie eine kleine Stadt in der Stadt wirkt – und gleich am südlichen Ortseingang liegt. Ich radelte ein wenig über den Campus, bevor es weiter Richtung Innenstadt ging.
Die Leuphana ist wirklich ein Ort, an dem man spürt, dass Lernen und Kreativität zusammengehören. Besonders auffällig ist das Zentralgebäude, ein Entwurf des weltbekannten Architekten Daniel Libeskind. Mit seinen schrägen Flächen, spitzen Winkeln und markanten Linien sieht es ein bisschen so aus, als hätte jemand ein Raumschiff mitten in die Heide gesetzt.

Gleichzeitig wirkt es einladend und offen – eine Architektur, die neugierig macht und Lust darauf, hineinzuschauen. Selbst am Freitag Nachmittag saßen Studierende mit Laptops auf den Treppen oder in kleinen Gruppen auf den Grünflächen. Es herrscht eine Mischung aus Konzentration und entspannter Lebendigkeit. Man könnte fast glauben, hier sei das „Labor der Zukunft“ beheimatet. Auch die nachhaltige Ausrichtung fällt auf: Fahrradständer überall, begrünte Flächen, moderne Energiekonzepte. Für einen Radfahrer wie mich ist das natürlich ein Pluspunkt. So stand ich eine Weile einfach da, ließ die Atmosphäre auf mich wirken – und dachte mir: Studieren hier müsste eigentlich richtig Spaß machen.
Dort stach mir dann sofort der Wasserturm ins Auge. Meine Frau hatte mir erzählt, dass man hinein und bis nach oben steigen könne. Das wollte ich natürlich ausprobieren. Zunächst aber musste ich mich gedulden, denn eine Hochzeitsgesellschaft hatte den Turm in Beschlag genommen. Tatsächlich ist er bis 16:30 Uhr für solche privaten Feiern reservierbar – und die machen davon offensichtlich gerne Gebrauch. Doch pünktlich um halb fünf, als sich bereits zwei Dutzend Besucherinnen und Besucher eingefunden hatten, öffneten sich die Türen.
Der Eintritt kostet sechs Euro – und ich kann nur sagen: bestens investiertes Geld! Schon im Eingangsbereich gibt es eine liebevolle Gestaltung, die einem sofort Lust auf mehr macht. Der Aufstieg über die Treppen (ein Aufzug steht zwar bereit, aber der gehört ja nicht zum echten Erlebnis) führte durch verschiedene Ebenen des Turms. Der absolute Höhepunkt: eine Wendeltreppe, die durch den Wasserspeicher führt, der in ein mystisches Dunkelblau getaucht ist. Ehrlich gesagt – da bekam ich Gänsehaut. Krass schön! Nach über 200 Stufen erreichte ich die obere Ausstellungsebene, und ein paar weitere Stufen später stand ich auf der Aussichtsplattform in 56 Meter Höhe. Von dort aus breitet sich Lüneburg in all seiner Pracht vor einem aus: rote Dächer, kleine Straßen, Kirchtürme – ein Postkartenblick.

Der Turm selbst ist ein echtes Schmuckstück der Industriearchitektur. Erbaut wurde er um 1905, und noch heute erkennt man die robuste Eleganz jener Zeit. Backstein, eiserne Verstrebungen, klare Formen – ein Bauwerk, das Funktion und Schönheit verbindet. Der frühere Zweck war natürlich die Wasserversorgung der Stadt, doch heute ist er ein Aussichtspunkt und Kulturdenkmal zugleich. Besonders spannend fand ich, wie geschickt die moderne Beleuchtung mit der alten Bausubstanz kombiniert wurde. Da trifft Geschichte auf Gegenwart, und man merkt: Hier hat jemand mit viel Liebe zum Detail gearbeitet. Wer sich für Technik interessiert, findet Infotafeln über die Wasserversorgung damals, wer lieber den Ausblick genießt, bleibt einfach auf der Plattform stehen und verliert sich im Panorama. Für mich als bekennenden „Wasserturmsammler“ war das wie Weihnachten und Geburtstag zusammen.
Natürlich nahm ich auch für den Abstieg wieder die Treppe. Für jemanden wie mich, der Wassertürme sammelt (ja, auch das ist ein Hobby!), war das ein echtes Highlight. Mein Rad wartete derweil brav und trocken im Hof des Wasserturms – gegen Regen abgesichert, der am Ende aber zum Glück kaum fiel.
Dann ging es weiter zum Marktplatz, wo die Critical Mass startete. Wie so oft begann sie mit einer gewissen Verzögerung – man kennt das ja. Am Ende rollten wir etwa eine Stunde durch die Stadt, knapp über elf Kilometer. Nicht die längste Tour, aber die Stimmung war großartig. Ich hatte ein nettes Gespräch mit einer Mitfahrerin, und manchmal ist genau das mehr wert als jeder zusätzliche Kilometer.

Dass die Runde vergleichsweise kurz war, hatte noch einen weiteren Vorteil: Ich war rechtzeitig wieder im Hotel, konnte den Tag in der Bar entspannt ausklingen lassen – und die frisch aufgenommenen Insta-Videos gleich in vorzeigbare Fotos und Filmchen verwandeln.
Und als ob das alles nicht schon genug gewesen wäre, krönte ein riesiger, fast voller Mond den Abend. Rund, strahlend und über allem wachend – der perfekte Schlusspunkt für einen perfekten Tag.

Hier meine bisherigen Berichte zu Lüneburg:

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