Take a ride on the wild side

Kunst aus Autoschrott: John Chamberlains Werke in der Galerie Karsten Greve

John Chamberlain Skulptur Ramfeezled Shiggers in der Galerie Karsten Greve in Köln, komplett quer

„Autos sind nur als Schrotthaufen schön“ – so war ein Artikel im Kölner Stadtanzeiger letztens überschrieben, und das weckte natürlich sofort meine Aufmerksamkeit. Nicht, dass das auch meine Meinung wäre, aber wenn der an sich ja doch recht autofreundliche Stadtanzeiger so etwas schreibt…

Aber halt, wo war denn der Artikel im Stadtanzeiger platziert? Auf den Feuilleton-Seiten. Das war natürlich noch interessanter.


Klar, dass ich den Artikel gleich mal las und feststellte: Es handelte sich um eine Vorstellung von Werken des Künstlers John Chamberlain. Der tatsächlich einen Teil seiner Kunstwerke aus Autoteilen herstellte, die er auf Autoschrottplätzen einsammelte und dann noch einmal bearbeitete. Und von der Ausstellung einiger seiner Werke in der Galerie Karsten Greve in Köln.

Na, dachte ich, das ist doch mal was – da muss ich hin und was draus machen. Also fuhr ich an Christi Himmelfahrt mit meinem Brompton GSpot nach Köln zur Galerie Greve, direkt neben dem WDR an der Rechtschule in Köln, aber da hatten sie wohl wegen des Feiertags zu.

So schnell wird man mich aber nicht los: Am Freitag ging es noch einmal dahin. Und siehe da, es war offen und ich ging hinein.
Es kostete keinen Eintritt, eine nette junge Dame erklärte mir alles. Ich konnte alle 10 Skulpturen und dreidimensionalen Wandbilder bestaunen – und auch die ganzen Fotografien von Chamberlain. Allerdings durfte ich mein Brompton nicht in die Räume der Galerie mitnehmen, konnte ich auch in gewisser Weise verstehen.


Die Skulpturen von Chamberlain sind schon sehr besonders. Sie sind aus Metallteilen zusammengesetzt und haben keine feste Form. Wenn man um sie herumgeht – und das konnte man in der Galerie –, sehen sie aus jeder Perspektive anders aus. So dass Fotografieren gar nicht so einfach ist.

John Chamberlain Skulptur Ramfeezled Shiggers in der Galerie Karsten Greve in Köln, komplett längs auf genommen.

Ich bilde hier einmal nur die „Frontansicht“ der Skulptur ab, die auch im Stadtanzeiger-Artikel abgebildet war:

Ramfeezled Shiggers
1991
Bemalter und chromierter Stahl /


Wahrlich wohl die schönste Form, die ein Auto haben kann, oder?
Aber es ist Kunst – als Schrott, wie der Stadtanzeiger-Artikel, würde ich es niemals bezeichnen (hihi).

Und hier, auch ganz spannend, eine Innenansicht davon, also mit der Kamera einfach irgendwo in die Skulptur hineingehalten.

John Chamberlain Skulptur Ramfeezled Shiggers in der Galerie Karsten Greve in Köln, mit der Kamera einmal rein gehalten

Die Bilder der anderen Werke und weitere Bilder von Ramfeezled Shiggers findet ihr in meinem Google-Mai-Fotoalbum.


Schon als ich donnerstags unverrichteter Dinge an der Galerie abzog, fiel mir noch ein anderes Auto ein, das – ganz in der Nähe – ein sinnvolleres Dasein fristet, als auf den Straßen zu fahren oder zu parken. Es ist das berühmte goldene Flügelauto von H. A. Schuld auf dem Zeughaus in Köln.

Flügelauto von H A Schuld Frontansicht

Ich dachte mir: Wenn ich schon die Autoverwertungsskulpturen von Chamberlain nicht hatte sehen können, dann doch wenigstens das Flügelauto. Also fuhr ich die paar Meter dorthin und machte ein paar Fotos, die ihr ebenfalls alle in meinem Google-Mai-Fotoalbum sehen könnt.

Es waren viele Menschen unterwegs, die alle zum Flügelauto hinaufschauten und ihre Handys zückten und fotografierten. Einem Paar erzählte ich von den Werken von John Chamberlain, und wir amüsierten uns köstlich darüber, was man mit Autos alles so machen kann, wenn man sie nicht fährt.


Zwei befriedigende Tage.
Mit einem perfekten Rad unterwegs.
Autos in ihrer perfekten Verwendung und Form entdeckt.

John Chamberlain Skulptur Ramfeezled Shiggers in der Galerie Karsten Greve in Köln, durchs Fenster von außen mit Brompton aufgenommen
Perfektes Rad, perfektes Auto (*lach)

Was will man mehr?

Schon mal in Köln Kunst aus Autoteilen entdeckt? Oder habt ihr ähnliche Erlebnisse? Schreibt’s in die Kommentare! 🚴‍♂️


Dokumentation:

John Chamberlain

John Chamberlain wurde am 16. April 1927 in Rochester, Indiana, geboren und starb am 21. Dezember 2011 in New York City. Während des Zweiten Weltkriegs diente er fast drei Jahre auf einem Flugzeugträger der US-Marine, wo er als Friseur arbeitete. Diese Zeit prägte seine Wahrnehmung und führte zu einer gewissen Rastlosigkeit, die sich später in häufigen Wohnortwechseln äußerte. Nach seiner Rückkehr in die USA arbeitete er zunächst weiter als Friseur in Detroit, besuchte aber 1951 und 1952 Kurse am Art Institute of Chicago. 1955 begann er ein Studium am Black Mountain College in North Carolina, wo er mit einflussreichen Künstlern wie Willem de Kooning, Franz Kline, Robert Creeley, Charles Olson und Robert Duncan in Kontakt kam.

Sein künstlerisches Schaffen ist vor allem dem Nouveau Réalisme, dem Abstrakten Expressionismus und der Pop Art zuzuordnen. Chamberlain wurde bekannt durch seine Skulpturen aus Autoschrott, die er erstmals 1957 realisierte. Er nutzte dabei Karosserieteile, die er auf Schrottplätzen sammelte, und formte sie durch Stauchen, Schweißen, Falten und farbiges Lackieren zu mehransichtigen, farbig schillernden Gebilden. Seine Technik bestand darin, die Metallteile mit einer Schrottpresse zu bearbeiten, zu knittern, einzurollen, zu stauchen, zu komprimieren und zu strecken, wodurch er die Oberfläche des Materials vervielfältigte und in viele Facetten zerlegte. So verwandelte er das Auto – ein Symbol des amerikanischen Lebensstils – in Kunst und hob damit den traditionellen Kunstbegriff auf, der Kunst und Alltagsleben strikt trennte.

In seinen Schaffensphasen experimentierte Chamberlain mit verschiedenen Materialien und Techniken. In den 1960er Jahren arbeitete er mit Fiberglas und Urethan-Schaum, bevor er in den 1970er Jahren zur Fotografie wechselte. Ab den späten 1970er Jahren widmete er sich wieder vermehrt der Metallskulptur, wobei er sich auf bestimmte Autoteile wie Kotflügel, Stoßstangen oder Fahrgestelle konzentrierte. Seine Werke oszillieren zwischen Abstrakter Malerei und dreidimensionaler Plastik, wobei er die gestische Farbgebung des Abstrakten Expressionismus in seine Skulpturen übertrug.


Galerie Karsten Greve

Die Galerie Karsten Greve wurde 1972 von Karsten Greve in Köln gegründet. Der erste Standort befand sich im Galeriehaus in der Lindenstraße 20, wo die Eröffnung mit einer Einzelausstellung zu Yves Klein stattfand. 1973 wurde Karsten Greve alleiniger Inhaber der Galerie. 1980 zog die Galerie in den Wallrafplatz 3 um, wo sie unter anderem Ausstellungen mit Cy Twombly, Lucio Fontana und Willem de Kooning zeigte. Im Jahr 2000 bezog die Galerie ihren heutigen Hauptsitz in der Drususgasse 1–5 in Köln.

Die Galerie expandierte im Laufe der Jahre: 1989 wurde ein zweiter Standort in der Rue Debelleyme im Marais-Viertel von Paris eröffnet, in unmittelbarer Nähe zum Musée Picasso. 1999 folgte ein dritter Standort in St. Moritz in der Via Maistra 4, wo ganzjährig wechselnde Ausstellungen stattfinden.

Die Schwerpunkte der Galerie liegen in der Präsentation von Malerei, Zeichnung, Druckgrafik, Skulptur, Installation und Fotografie der klassischen Moderne und zeitgenössischen Kunst. Das Programm ist durch eine große Vielfalt der künstlerischen Gattungen geprägt, wobei ein besonderer Fokus auf hochwertigen, klassischen Maßstäben liegt.


Standort Köln:
Adresse: Drususgasse 1–5, 50667 Köln
Telefon: +49 (0)221 257 10 12
Fax: +49 (0)221 257 10 13
E-Mail: info@galerie-karsten-greve.de
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10–18:30 Uhr, Samstag 10–18 Uhr

Die Galerie ist auf jeden Fall einen Besuch wert! Schaut doch mal vorbei!


Zur Orientierung eine Karte. Die ist beweglich, bitte mit der Maus schieben. Die Bilder in den Icons sind klickbar. :

Vollbildanzeige

Kommentare

  1. Kunst und Wahrheit

    Die WAHRHEIT der KUNST
    ist stets in der SUMME i h r e r
    BETRACHTER, ZUHÖRER oder LESER
    zu finden …
    ___
    © PachT 2013
    SSW 356
    ***
    https://einladungzupachtsblog.wordpress.com/wp-content/uploads/2018/02/ssw356-gedanke_kunstuwahrheit.jpg
    +++

    1. Sehr wahr! Und in diesem Fall besonders.

  2. Für das Quartier 205 an der Berliner Friedrichstraße schuf Chamberlain sogar einen elf Meter hohen Turm aus Autoschrott. Keine Ahnung, ob das Ding da noch steht, ob man die Passage noch passieren kann, nachdem das anfangs Aufsehen erregende Lafayette nur noch eine zur öffentlichen Versteigerung stehende Immobilie wurde, die Passage, aus der die attraktive Piano-Bar schon lange zuvor verschwunden war, ihren Zweck eingebüßt hatte. Ich habe keine Lust, mich vom Stand der Dinge selbst zu überzeugen. Mich deprimiert des Ex und Hopp der modernen Kultur.

    1. Hihi, trotzdem spannend. Nach Ex und Hopp sah das in Köln nicht aus.

      1. Nee, ich meinte damit auch nicht den genialen Autoschrottverwerter, sondern dieses ambitionierte Projekt französisches Kaufhaus an der Französischen Straße und mega-elegante Einkaufspassage. Ich fand das sehr schön, bin dort ausgesprochen gerne schaufenstergebummelt und Kaffee trinken gegangen, dann die an sich hübsche Idee, im ehemaligen Lafayette die Zentral- und Landesbibliothek unterzubringen – ehemals Amerika-Gedenkbibliothek, die aus ihrem maroden Gebäude (an dessen bejubelten Bau ich mich aus meiner Kindheit erinnere), dann diese elende Feilscherei… Vielleicht sollte man Schrottskulpturen als Omen betrachten, und vielleicht sind sie vom Künstler auch so gemeint.

      2. Ich kenne das alles leider nicht, so gut ist mir Berlin nicht vertraut. Aber schade, dass es so gekommen ist.

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