
Zwei Welten der Elektrifizierung: Warum der E-Fahrradmarkt boomt und das E-Auto stockt ⚡🚗🚲
Gestern war ich zu Gast auf einer Veranstaltung unter dem vielversprechenden Motto „Energie trifft Mobilität“. Im Kern zeigten dort regionale Autohändler ihre aktuellen Elektromodelle – unter anderem von Smart, Toyota, Nissan und BYD. Ich war dort in meiner Funktion als ADFC-Vertreter aktiv. Zusammen mit einem Kollegen präsentierte ich unser E-Lastenrad „ERFTIE“ (ein Riese & Müller Packster 80) sowie mein konventionelles, rein muskelbetriebenes Bullitt-Lastenrad.
In der anschließenden Podiumsdiskussion stellte ein Autohändler die These auf, dass die Absatzzahlen der Elektromodelle derzeit nur deshalb spürbar anzögen, weil die Benzinpreise hoch seien und es wieder neue öffentliche Förderungen gäbe. Schaut man sich jedoch den gesamten Neuwagenmarkt in Deutschland an, zeigt sich ein differenziertes Bild.
Der Blick auf die Autozahlen 📊🏭
Während reine Elektrofahrzeuge (BEV) derzeit auf einen Marktanteil von rund 12 % bis 15 % kommen, dominieren klassische Verbrenner und Hybride mit zusammen weit über 80 % nach wie vor das Geschehen. Der Markt wächst im E-Segment zwar leicht, aber von einem selbsttragenden, organischen Boom ohne staatliche Anschübe kann in der Breite noch keine Rede sein. Bei den reinen Elektrofahrzeugen führen die Marken Volkswagen, BMW und mit Abstand auch Tesla das Zulassungsranking an. Auf dem Gesamtmarkt inklusive der Verbrenner- und Hybridfahrzeuge behaupten hingegen traditionell Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW die ersten drei Plätze.
Die Erfolgsgeschichte des E-Bikes 🔋🚲
Ganz anders sieht es auf dem Zweiradmarkt aus. Wenn ich an meine früheren Recherchen zur „Geschichte des E-Bikes“ zurückdenke, wird der fundamentale Unterschied in der Marktstrategie deutlich. Die Entwicklung marktfähiger Elektroräder vollzog sich rasant: von den ersten schweren Modellen mit Blei-Säure- oder Nickel-Cadmium-Akkus bis hin zum heutigen Standard der leichten, leistungsstarken Lithium-Ionen-Batterien.
Der Durchbruch kam durch den echten Alltagsnutzen: Die Vermeidung von Verschwitzung auf dem Weg zur Arbeit, die enorme Erhöhung der Reichweite und die Erschließung völlig neuer Zielgruppen im ländlichen oder bergigen Raum. Die Fahrradbranche hat sich in den letzten Jahren nahezu konsequent und flächendeckend elektrifiziert. Alle großen Hersteller bieten ihre Modelle als E-Bikes oder Pedelecs an – vom Tourenrad über Cityflitzer bis hin zu Mountainbikes, Rennrädern und Gravel-Bikes. Geht man heute in einen Fahrradladen, stehen die E-Bikes prominent in der ersten Reihe. Wer ein konventionelles Rad sucht, wird oft mit den Worten „Kommen Sie mal mit nach hinten“ in die Mottenkiste geführt.
Überdimensioniert und ausgebremst: Das Problem beim Auto 🛑🚗
Bei den Automobilen beobachte ich eine völlig andere Herangehensweise. Die meisten Elektroautos sind in vielerlei Hinsicht komplett überdimensioniert. Ein moderner „Smart“, der mittlerweile die Ausmaße eines wuchtigen SUV besitzt, passt für mich einfach nicht mehr zum ursprünglichen, urbanen Konzept. Die meisten der ausgestellten Fahrzeuge glänzten mit Leistungsdaten von über 200 PS. Wo bitteschön soll man diese Leistung in Deutschland jemals sinnvoll ausfahren? Erst recht, wenn man bedenkt, dass flächendeckende Tempolimits in der Zukunft eigentlich unvermeidbar sind. Zudem kosten fast alle diese Fahrzeuge weit über 40.000 Euro. Wer soll sich das im Alltag trotz eventueller Prämien eigentlich noch leisten können?
Die europäischen und insbesondere die deutschen Hersteller haben schlicht zu lange gezögert, bezahlbare und effiziente Elektroautos von Grund auf neu zu entwickeln. Ohne chinesische Technologie bei den Batteriezellen läuft heute fast gar nichts mehr. In den Autohäusern – so meine starke Vermutung, da ich schon ewig keines mehr betreten habe – steht der klassische Verbrenner nach wie vor gleichberechtigt, wenn nicht gar bevorzugt im Rampenlicht.
Auch im Energiemarkt bleibt die Lage diffus: Es wirkt fast so, als ob sich die großen Stromkonzerne gar nicht so recht als die neuen Hauptlieferanten für die Mobilität in Deutschland positionieren wollen, sondern das Feld lieber weiterhin den etablierten Ölkonzernen überlassen.
Mein Fazit zur Antriebswende 💡⚙️
Es ist kein Wunder, dass der Elektro-Automarkt nicht so reibungslos und organisch läuft wie der Elektro-Radmarkt. Die Fahrradbranche hat verstanden, was die Menschen für ihre persönliche Lebensqualität brauchen. Die Autobranche setzt stattdessen oft noch auf Status, Masse und PS-Protzerei. Die Antriebswende ist und bleibt ein zentraler Teil der allgemeinen Verkehrswende – aber im Autosektor stockt dieser Motor gewaltig.
Euer Axel! 🖐️⚙️


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