Teil der „Fünften Gewalt“? Ein Sonntagsgedanke über ein Essay im Kölner Stadtanzeiger, das große Rauschen und unser tägliches Bloggen
Sonntag heute und damit mal wieder Zeit für einen Artikel etwas außer der Reihe.
Anlass ist ein Essay von Bernhard Pörksen im Kölner Stadt-Anzeiger im Rahmen der Reihe „Demokratie braucht viele Stimmen“. Pörksen stellt der allgemein pessimistischen Grundhaltung zum Thema Medienvielfalt, Informations- und Meinungsfreiheit ein optimistisches Gegenmodell entgegen. Ein Kernelement dieses Entwurfs ist, wie er es nennt, die „fünfte Gewalt“ der vernetzten Vielen – also Blogger:innen, Communitys und engagierten Netzbürgern.
Da habe ich, als jemand der täglich seit Anfang 2019 einen Blogbeitrag unter warumichradfahre.blog verfasst, sofort aufgehorcht. Ich? Teil einer „Fünften Gewalt“ im Staat?
Tatsächlich: Natürlich lege ich viel Energie in meinen Blog. Ich suche mir Themen, recherchiere, formuliere, mache Bilder und suche nach unterstützenden und begleitenden Formaten wie Komoot oder Pixelfed. Ich verlinke meine Beiträge jeden Tag auf Mastodon und Bluesky, in meinem WhatsApp-Status und meiner Signal-Story. Ich habe überall Follower und bekomme Reaktionen in Form von Likes, Reposts und Kommentaren.
Klar. Aber für so wichtig habe ich mich eigentlich nie gehalten. Ich dachte immer, der Blog ist eher gut für mein Ego als für die Welt.
Aber so abwegig ist der Gedanke gar nicht. Wenn ich mir euch, also meine Blogosphäre hier anschaue, finde ich eine ungeheure Vielfalt an Themen, Einstellungen, Ideen, Dokumentationen und Beschreibungen der Welt. Manchmal mit, manchmal auch ganz ohne Meinung. In der Summe entsteht ein Fundus an Weltbetrachtung aus ganz unterschiedlichen Aspekten und mit differenzierten Zielen. Und das in einer so grandiosen stilistischen Vielfalt, dass für die meisten potenziellen Leserinnen und Leser etwas dabei sein dürfte.
Im Gegensatz zur klassischen Presse sind wir meistens – zumindest was das Bloggen selbst angeht – finanziell unabhängig und ungebunden. Das macht uns frei. Und da wir unter einer eigenen URL schreiben, verschwinden unsere Beiträge nicht in einem Wust von Mikrobeiträgen auf Portalen wie Facebook oder Instagram. Damit werden wir zu einer echten Größe in der publizistischen Welt.
Was uns im Gegensatz zur „großen“ Presse oft fehlt, ist die Reichweite. Deswegen wäre es schon sinnvoll, den vom Autor geforderten „Pakt zwischen der klassischen vierten Gewalt und der fünften Gewalt“ zu schließen.
Aber wie sollte der aussehen?
Ich lese eine der großen Tageszeitungen in Deutschland, den Kölner Stadt-Anzeiger, jeden Tag. Ich werde das auch nicht aufgeben, denn er enthält Inhalte, die ich nicht selbst auf dem Schirm habe, die mich aber interessieren und für mich wichtig sind – vor allem gut recherchierte Informationen zu Ereignissen hier vor Ort.
Allerdings habe ich komplett aufgegeben, etwa Leserbriefe zu schreiben. Stattdessen lasse ich mich gelegentlich, wie heute auch, von Veröffentlichungen in der Zeitung inspirieren, selbst etwas zu schreiben – dann aber in meinem Blog. Das erlaubt mir, Inhalt, Länge, Stil und Form selbst zu wählen, und lässt mir bei der Bewertung und Formulierung mehr Freiheiten.
Der Pakt wäre hier also sehr einseitig: Der Stadt-Anzeiger ist die Quelle, mein Blog die Senke. Umgekehrt funktioniert das überhaupt nicht. Die Redaktion dort hat wahrscheinlich gar keine Kenntnis von meinem Blog, geschweige denn, dass Inhalte von mir aufgegriffen würden. Ich sehe also noch nicht so ganz, wie das in der Praxis laufen soll.
Aber ich habe eine Idee: Ich denke, ich werde einmal versuchen, Bernhard Pörksen auf diesen Beitrag aufmerksam zu machen und ihn zu fragen, wie er sich das vorgestellt hat.
Und jetzt bin ich sehr gespannt auf eure Sicht dazu. Denn ihr, liebe Blogger-Kolleginnen und -Kollegen, seid nach der Definition von Bernhard Pörksen schließlich auch ein Teil dieser „fünften Gewalt“.
Wie geht es euch damit?


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