Die Einschläge kommen näher: Über Haltung im Alltag, antifaschistische Ökonomie & eine Reifenbreite Abstand
Sonntag ist Zeit zum Durchatmen – aber heute wird es auf dem Blog ungewöhnlich politisch. Keine Sorge: Das Ganze hat verdammt viel mit dem Radfahren, unserer Haltung im Alltag und der Frage zu tun, in was für einer Gesellschaft wir eigentlich rollen wollen.
Diese Woche war für mich ein echter Weckruf. Ich wurde hemmungslos damit konfrontiert, dass die gesellschaftlichen Einschläge spürbar näher kommen.
Wenn die braune Welle im eigenen Umfeld ankommt
Was meine ich damit? Nun: Auf einmal tauchte in einer Gemeinschaft, die bis dahin eigentlich ziemlich gut harmonierte, ziemlich unverblümt AfD-Sprech auf. Ich sah mich veranlasst, da einigermaßen brachial und unmissverständlich zu moderieren.
Eigentlich ist das gar nicht verwunderlich. Schaut man sich die Wahlergebnisse im Osten und die aktuellen Umfragen im Westen an, muss man schlicht davon ausgehen, dass jede vierte bis jeder gut dritte Mensch, den man auf der Straße trifft, die AfD wählen würde – und damit deren Gedankengut sowie die politischen und gesellschaftlichen Vorhaben teilt oder zumindest billigend in Kauf nimmt. Das macht natürlich auch vor losen Gruppierungen nicht halt, die eigentlich über gemeinsame Hobbys oder Projekte verbunden sind.
Diese Erkenntnis stĂĽrzte mich unter der Woche in eine kleine Krise: Ich will weder mit der Ideologie dieser Partei etwas zu tun haben noch mit Menschen, die sie vertreten oder verharmlosen.
Das ging kurzzeitig so weit, dass ich sogar meine Pläne für das kommende Jahr infrage stellte: Sollte ich wirklich wieder von Köln aus zur Sternfahrt nach Berlin radeln? Schließlich führt ein nicht geringer Teil der Strecke durch Sachsen-Anhalt – ein Bundesland, das mit dramatischen politischen Veränderungen konfrontiert ist und in dem es bald einen AfD Ministerpräsidenten geben wird, nachdem diese Woche schon AfD Männer in die Ämter Landtagspräsident und -Vertreter geputscht wurden. Aber ich habe mich natürlich schnell wieder berappelt. Wegducken gilt nicht.
Haltung zeigen: Kölner Stadt-Anzeiger & mein Leserbrief
Durch einen Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger haben sich meine Sinne in den letzten Tagen noch einmal geschärft. Ich habe die Gelegenheit genutzt, mir in einem Leserbrief einen Teil des aufgestauten Frusts von der Seele zu schreiben.
„Der Bundespolitiktrainer im Einsatz“ von Frauke Rostalski im Kölner Stadtanzeiger vom 08.10.2026
Der Presseartikel von Frauke Rostalski setzt sich kritisch mit politischen Äußerungen von Jürgen Klopp auseinander, der gefordert hatte, Nationalstolz und die Bundesflagge nicht den „falschen Leuten“ (womit er auf die AfD und deren Wähler anspielte) zu überlassen.
Die Kernaussagen des Artikels sind:
- Zunehmende Politisierung des FuĂźballs: Der Artikel beschreibt eine fortschreitende Politisierung im Sport, insbesondere bei Nationalmannschaften, deren schwache sportliche Leistungen teils durch gesellschaftspolitisches Haltungszeigen kompensiert wĂĽrden.
- Kritik an der Begrifflichkeit „falsche Leute“: Menschen aufgrund ihrer Wahlentscheidung als „falsch“ zu kennzeichnen, sei kein qualifizierter Diskursbeitrag, sondern verharre in einer Freund-Feind-Logik. Nicht Menschen seien „falsch“, sondern allenfalls deren Taten oder politischen Absichten.
- Gefahr der gesellschaftlichen Ausgrenzung: Durch solche Äußerungen vermittle der Bundestrainer das Signal, dass AfD-Wähler im „Team Bundestrainer“ unerwünscht seien. Dies verstärke die Polarisierung, anstatt gesellschaftliche Brücken zu bauen – insbesondere in Zeiten, in denen ein erheblicher Teil der Bevölkerung diese Partei wähle.
- Plädoyer für echten gesellschaftlichen Diskurs: Eine freiheitliche Demokratie lebe vom offenen und gleichberechtigten Argumentationsaustausch. Prominente Persönlichkeiten wie der Bundestrainer haben eine besondere Verantwortung für ihre Wortwahl und sollten Gegenüber – auch bei völlig unterschiedlichen Auffassungen – als gleichberechtigte Diskursfolger anerkennen, statt sie durch Ausgrenzungspraktiken abzuwerten
Mein Leserbrief dazu im Wortlaut
Aha, wie sprechen wir miteinander, das ist also das, was jetzt gerade das vordringlichste ist, wenn ich den Beitrag richtig verstehe. Kurz nachdem die AfD und wer auch immer sonst in Sachsen-Anhalt gehandelt und Fakten geschaffen haben. Miteinander sprechen, den Dialog suchen, besser kommunizieren…. das suggeriert, dass das irgendetwas ändern kann. Spoiler: wird es nicht!
Der Beitrag von Frau Rostalski und auch die Diskussion um einen Fußball-WM-Boykott (die ja keine Diskussion war, sondern schon im Keim erstickt wurde) erinnern mich an das, was zu Zeiten der Nazis „Appeasement“ genannt und praktiziert wurde. Wenn wir einigermaßen nett zu denen sind, werden sie vielleicht nicht so böse sein.
Doch, werden sie. Die Rechten werden tun, was sie ankündigen. Sie werden demokratische Werte und Institutionen schleifen und „millionenfache Remigration“, also Deportationen, durchführen. Trump macht es vor, hierzulande wird es mit deutscher Gründlichkeit noch perfektioniert werden.
Der Ruf nach Dialog legt die Last auf die Guten. Wir werden am Ende Schuld sein, weil wir nicht genug dialogisiert, kommuniziert, überzeugt, erklärt haben. Im Umgang mit Putin ist es schon so: der arme Kerl kann ja gar nicht anders, als Krieg führen, weil wir doch so gar keinen Dialog mit ihm wollen…..
Schluss damit! Klare Kante! Kein Millimeter nach rechts! Langsam wird es Zeit, Stellung zu beziehen, durchaus im doppelten Sinn: wir müssen leider auch im Inland langsam die Schützengräben gegen rechts ausheben.
Antifaschistische Wirtschaftspolitik: Ein Blick ĂĽber den Tellerrand
In einem weiteren Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger (Interview von Johanna Apel mit der Wirtschaftswissenschaftlerin Isabella Weber vom 09.10.2026) stieß ich zum ersten Mal auf den Begriff einer durchaus anerkannten antifaschistischen Wirtschaftspolitik.
Für mich als eigentlich ökonomisch liberal eingestellten Menschen war das eine extrem spannende Entdeckung – denn dieser Ansatz hat rein gar nichts mit den abgestandenen marxistischen Parolen zu tun, die man sonst oft aus der linken Ecke hört.
Zusammenfassung des Interviews vom 09.10.2026
Echter Fokus auf bezahlbare Mobilität: Statt nur über Spritpreisdeckel zu debattieren, schlägt Weber vor, die Verkehrsmittel zu stärken, die wir eigentlich vorrangig nutzen sollten. Sie fordert die Rückkehr zum 9-Euro-Ticket, einen flächendeckend günstigen Nahverkehr, einen gezielten Fahrradbonus sowie ein Tempolimit.
Krisengewinne begrenzen und Luxus deckeln: Um Ungleichheit abzufangen, spricht sie sich für Übergewinnsteuern und Margendeckel für Energiekonzerne aus. Bei drohender Ressourcenknappheit regt sie zudem an, extremen Luxusverbrauch wie Privatjets oder Superyachten einzuschränken.
Antifaschistische Wirtschaftspolitik als Daseinsvorsorge: Das Vertrauen in die Demokratie schwindet, wenn Menschen trotz täglicher Arbeit Existenzängste haben. Weber plädiert dafür, die Absicherung von Grundbedürfnissen (wie bezahlbarem Wohnraum oder funktionierender Infrastruktur) wieder als zentrale demokratische Aufgabe zu begreifen, um dem Nährboden rechtsextremer Parteien spürbar entgegenzuwirken.
Vergesellschaftung im öffentlichen Interesse: Zur Sicherung des Gemeinwohls verweist sie auf das Grundgesetz und historische Vorbilder wie das Ahlener Programm der CDU von 1947. In Krisenzeiten müsse der Staat handlungsfähig bleiben, um Kernbereiche wie Wohnraum bei Bedarf in die öffentliche Hand zu überführen.
Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger vom 09.10.2026, Interview von Johanna Apel mit Isabella Weber
HintergrĂĽnde: Wer ist Isabella Weber & was bedeutet ihr Ansatz?
Isabella Weber ist eine deutsche Ă–konomin und Associate Professor for Economics an der University of Massachusetts Amherst. International bekannt wurde sie vor allem durch ihre bahnbrechenden Arbeiten zu strategischen Preiskontrollen bei extremen Inflations- und Schockwellen – ein Konzept, das unter dem Begriff Verkäufer-Inflation (Sellers‘ Inflation) weltweite Beachtung fand und unter anderem die Debatte um die deutsche Gaspreisbremse maĂźgeblich beeinflusste.
- Wissenschaftlicher Ansatz: Weber plädiert für ein pragmatisches, staatlich steuerndes Eingreifen in Schlüsselmärkten (wie Energie oder Nahrungsmittel) bei geopolitischen Krisen. Ziel ist es, preistreibende Spekulationen und Mitnahmeeffekte von Großkonzernen zu verhindern, bevor sie die breite Bevölkerung wirtschaftlich zermürben.
- Bedeutende Publikationen:
- How China Escaped Shock Therapy (2021): Eine preisgekrönte Analyse der chinesischen Wirtschaftsreformen.
- Sellers’ Inflation, Profits and Price-Spiral (2023): Ein Aufsatz über die Dynamik von Konzerngewinnen in Krisenzeiten, der die globale Inflationsdebatte veränderte.
- Der antifaschistische Kontext: Eine „antifaschistische Wirtschaftspolitik“ im Sinne Webers setzt an den sozialen und ökonomischen Wurzeln des Rechtsextremismus an. Indem der Staat GrundbedĂĽrfnisse sichert, Preisschocks abfedert und wirtschaftliche Zukunftsängste nimmt, entzieht er rechtspopulistischen Kräften den Nährboden. Verarmung und Existenzangst waren historisch wie heute die gefährlichsten Brandbeschleuniger fĂĽr faschistische Bewegungen.
- Weitere Vertreterinnen & Vertreter: Ähnliche Ansätze einer sozial abfedernden, interventionsbereiten Ökonomie finden sich bei Wirtschaftswissenschaftlerinnen wie Mariana Mazzucato (Mission Ökonomie / Der Staat als Unternehmer) oder Adam Tooze (Wirtschaftshistoriker zur Krisenbewältigung).
Symbol am Helm: Keine Reifenbreite dem Faschismus!
SchlieĂźlich schlieĂźt sich hier der Kreis zum Radfahren: Ein neuer Aufkleber aus meinem Fundus ziert ab sofort meinen Closca-Fahrradhelm: „Keine Reifenbreite dem Faschismus!“
So ganz zu Ende gedacht sind meine Gedanken zu all dem noch nicht:
- Wie konkret umgehen mit den näher kommenden Einschlägen? Ausgrenzen, ghosten, bekämpfen – das waren meine ersten Impulsgedanken. Aber sind sie immer und für jeden Fall tragfähig? Wahrscheinlich nicht, aber Ausnahmen brauchen vielleicht schlicht keine feste Regel.
- Das Radfahren instrumentalisieren? Sollte man das Radfahren aktivistisch aufladen, weil es Werte wie Freiheit, Vielfalt, Miteinander und Beweglichkeit symbolisiert, die von der AfD-Ideologie mit Füßen getreten werden? Damit würde man das bisherige Engagement über die reine Verkehrswende hinaus erweitern. Einerseits erscheint das schlüssig – auf der anderen Seite will ich nicht bei jedem Meter im Sattel diesen ideologischen Ballast mit mir herumschleppen. Aber so abwegig erscheint das alles auch gar nicht, wie der Wahlkampf in Serbien zeigt:
https://www.tagesschau.de/ausland/europa/serbien-wahl-studenten-100.html
Ach, es muss auch nicht alles sofort zu Ende gedacht sein. Alles flieĂźt. Hauptsache, die Richtung stimmt!
Euer Axel!


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