Symphonie in SONNN

Noch 50 Kilometer bis Neubrandenburg. 250 der 300 sind absolviert bei der Mecklenburger Seen Runde MSR300 2019. Ich rolle in einer Gruppe von etwa 50 Radfahrerinnen und Radfahrern, der ich mich am Verpflegungspunkt Alt Schönau angeschlossen habe. Bestbikebuddy Anja, die ich auf den ersten 200 Kilometern begleitet hatte, bis ihr Mann sie auf der Strecke „abholte“, hatte mich losgeschickt: „Geh ballern“, hatte sie gesagt, als ich schon halb auf dem Sattel des SCHWARZEN BULLEN saß.

Zehn oder zwölf AOK- Leute führen unseren Pulk an, aber viele andere haben sich schon am „Depot“ angeschlossen, wie ich. Viele sind dazu gestoßen und fahren mit und einige holen wir ein. Wenn sie den Anschluss halten können, bleiben sie dabei. Mit über 30 km/h bewegen wir uns in einer eingermaßen organisierten Zweierreihe über die schmalen Straßen rund um die Mecklenburgische Seenplatte.

Ich habe mich mit meinem Nebenmann unterhalten, jetzt schweigen wir. Und auf einmal höre ich sie. Die Musik. Die eigentümliche Musik in einer solchen Gruppe von schnell fahrenden Rennrädern.

Den Grundton machen die Reifen und Speichen der Räder beim Rollen. Es ist ein dunkler, aber nicht zu tiefer Ton. Es ist kein Sirren. Es ist auch kein Brummen. Vielleicht am ehesten ein Surren, aber nein, kein U, eher ein O. Und auch kein R, sondern ein N, nicht nur eins. SONNN, ja, das kommt ihm am nächsten.

SONNN. Der Ton ist die ganze Zeit da. Er ist die Summe der Rollgeräusche aller Räder. Ich kann deren einzelnen Beitrag nicht identifizieren, sondern höre nur das Ergebnis des Zusammenwirkens.

Der Ton ändert sich nicht. Nicht, wenn wir schneller oder langsamer werden, nicht, wenn Räder dazu kommen oder uns verlassen.

Es ist ein aktiver Ton, ein spannender. Aber dennoch unaufgeregt, lässig. Er begleitet uns, er ist verlässlich, er ist überall, er ist unser Laut.

Aber er muss sich behaupten. Er wird herausgefordert vom Kliklikliklik der Kettenschaltungen der Räder, die im Leerlauf rollen. Wie zum Hohn, dass deren Fahrer sich gerade nicht am Vorankommen der Gruppe beteiligen, klickert er mal hier mal da in das gleichförmige SONNNen des Grundtons. Jeder einzelne Leerlauf ist zu hören, alle klingen unterschiedlich, selten kommt es zu sich überlagernden Tönen und wenn, bleiben die Einzelnen deutlich erkennbar. Sie sind die vorwitzigen Oberstimmen des konzertanten Wirkens.

Der Rhythmus der Symphonie ist unregelmäßig. Er wird vorgegeben vom Klacken der Ketten, wenn deren Fahrer hoch oder herunterunter schalten. Er passt sich der Topographie der Landschaft an. Immer wenn diese in eine Steigung oder ein Gefälle über geht, ertönt dieser Laut wie ein unstetes Metronom.

Was ihm zugrunde liegt, ist, den individuellen Takt der Musik möglichst unverändert zu halten. Dieser Takt ist bestimmt durch die Trittfrequenz der einzelnen Fahrerinnen und Fahrer, damit fährt jede und jeder im eigenen Takt. Dieser Takt ist in der Regel nicht hörbar, aber spür- und sichtbar.

Die Musik verleitet zum Tanz. Alleine den Grundton zu hören, bedeutet, gleichförmig so weiter zu fahren. Das Kliklikliklik lässt alle aufschauen: wird der Tross etwa irgendwo langsamer? War jemand zu forsch und muss heraus nehmen? Warum wird geschaltet? Wissen andere mehr als man selber?

Es ist nur für die anstrengend, in der Gruppe zu fahren, die die Musik nicht hören können, die müssen sich konzentrieren. So ging es mir am Anfang auch. Doch bald ließ ich mich durch die Töne und Laute inspirieren, nach vorne tragen und treiben.

Irgendwann ist jeder Satz der Symphonie einmal zu Ende. Dieses Ende kündigt sich mit einem Crescendo an. Die Klikliklikliks werden mehr. Es beginnt zuerst vereinzelt, dann immer mehr und immer tosender. Klack klack klack klack klack schallen die Schuhe, die sich von den Pedalen lösen. Die Gruppe kommt zum Stehen. Gewährt anderen Vorrang. Und startet den nächsten Satz. Mit vermutlich dem gleichen Grundton. Aber ansonsten neu und anders.

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