
Gestern gab es auf der Jahresversammlung des ADFC Rhein-Erft (auf der ich, beibemerkt, zum Kreisvorsitzenden gewählt wurde) eine interessante Diskussion, die sich letztlich, wieder einmal, um das Thema Rücksicht drehte. Interessanter Weise aber auch, wieder einmal, um die Rücksicht, die Fahrradfahrer angeblich nicht nehmen (weil sie zum Beispiel gegen die Fahrtrichtung fahren, kein Licht haben, dunkel gekleidet sind, zu eng überholen, zu schnell sind etc.).
In der Diskussion gestern, aber auch in vielen Diskussionen, die ich in der letzten Zeit geführt habe, wird total deutlich, dass die „Anforderungen“ an „uns“, was Rücksicht anbelangt, deutlich höher sind als an andere Verkehrsteilnehmer. Regelverstöße von Radfahrenden sind, selbst unter Radfahrenden, unverzeihlicher als Regelverstöße anderer Rowdys, selbst wenn bei den einen fast nie etwas passiert, bei den anderen aber Menschen sterben. Häufig wird auch als Regelverstoß gewertet, was eigentlich gar keiner ist. Und wenn man wirklich gar keine Regel mehr finden kann, gegen die verstoßen wurde, wird halt die fehlende Rücksichtnahme aus der Klamottenkiste geholt.
Bisher habe ich ja hier von Radfahrenden geredet. Was mag also in denen vorgehen, die immer Auto fahren (oder Rad nur als Ausnahmefortbewegung, zum Beispiel am sonnigen Sonntagnachmittag auf dem Rennrad)? Die Psychologie dahinter wird in diesem Artikel ziemlich gut aufgearbeitet, ich empfehle ihn wirklich zum Studieren.
Ich könnte dem Appell an Rücksicht (der ja sogar verordnungsmäßig codiert ist), etwas mehr abgewinnen, wenn er nicht einige Kollateralschäden mit sich bringen würde. Zunächst einmal ist Rücksicht ja interpretationsfähig. Was der eine als rücksichtsvoll empfindet, wird die andere als total rücksichtlos verdammen. Der Kollateralschaden dabei ist, dass (fehlende) Rücksicht als Kampfbegriff von denen eingesetzt wird, die sich anderweitig nicht mehr zu helfen wissen. Die Verantwortung wird verschoben: mit der (argumentativ fast nicht zu widerlegenden) Behauptung, jemand habe sich rücksichtslos verhalten, ist das moralische Urteil gesprochen: der Rücksichtslose ist schuld! Das geht so weit, dass Radfahrende in die gleiche Kerbe hauen, weil sie meinen, für die Falschfahrer quasi in Sippenhaft genommen zu werden. Dabei wird der Blick total verstellt: Die Bedingungen, denen wir Radfahrenden in den meisten Situationen des Alltagsradverkehrs ausgesetzt sind, bringen uns ständig und viel mehr als Autofahrende in Situationen, bei denen das Thema (fehlende) Rücksicht als essentiell angesehen werden muss. Die Wege sind so eng, die Bedingungen so restriktiv, dass jede Kleinigkeit zum Aufreger wird. Dass wir dem ausgesetzt sind, ist aber nicht unsere Schuld, sondern die von denjenigen, die uns diese Bedingungen vorgeben.
Und das ist, na ja, zunehmend, war, der zweite Kollateralschaden. Durch einen erhöhten Anspruch an Rücksicht an uns selbst machen wir uns klein. Jeder nimmt sich das Recht heraus, uns zu sagen: solange Ihr nicht rücksichtsvoll seid (und wir das auch noch zugeben), kann das nichts werden mit dem Radverkehr. Solange brauchen wir keine guten Radverkehrsanlagen zu bauen, solange wollen wir den Radverkehr auch nicht fördern, denn dann fördern wir ja die Rücksichtslosigkeit. Und wir (Gott sein Dank zunehmend weniger) nicken demütig dazu, zwängen uns weiterhin auf die schmalen Hochbordradwege und fahren gegen sich öffnende Autotüren. Wir hätten ja auch mal was Rücksicht haben können mit dem Typen, der beim Aussteigen wieder mal so rücksichtsvoll war, sich nicht umzuschauen.
Verkehr ist keine Sache von Rücksicht, sondern von Bauen und Gestalten. Der Radverkehr im öffentlichen Raum ist, was Bauen und Gestalten anbelangt, total vernachlässigt. Deswegen ist die einzig richtige Strategie die, die der ADFC sich auf die Fahnen geschrieben hat:
#MehrPlatzfürsRad
Versprochen, wenn wir so fahren können, wie wir es gerne tun, werden wir auch viel mehr Rücksicht zeigen (auch wenn sie dann gar nicht mehr so nötig sein wird).


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