Wer ist hier schwach?

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In der Berichterstattung über den schrecklichen Unfall am 4.6.2025, zu dem wir ja am Mittwoch eine Mahnwache für die tödlich verletzten Menschen durchgeführt haben. Ist er wieder aufgetaucht, der „schwache Verkehrsteilnehmer“. Sogar mit allen Steigerungstufen, also auch schwächer und am schwächsten. Der Leserbrief, den ich an den Stadt-Anzeiger geschrieben habe, trifft leider die falschen, denn die Berichterstattung der Zeitung war wirklich hervorragend. Aber dennoch:

Leserbrief zum Kommentar von Jörn Tüffers „Gestern galt es, einfach mal innezuhalten“ im Kölner Stadtanzeiger vom 26.06.2025

Sehr geehrter Herr Tüffers, 

so sehr ich ihren Kommentar und die gesamte Berichterstattung Ihrer Zeitung zu den schrecklichen Ereignissen des 04.06. schätze, in einem Punkt muss ich Ihnen, auch wenn es kleinlich erscheinen mag, widersprechen. 

Der ADFC, dessen Vorsitzender ich im Rhein-Erft-Kreis bin, setzt sich keinesfalls für die Belange der schwächsten Teilnehmer am Straßenverkehr ein, wie Sie schreiben. Wir setzen uns vielmehr für die Belange der stärksten Verkehrsteilnehmer ein. Denn alle Menschen, die sich mit ihrer Muskelkraft durch die Welt bewegen, also gerade Radfahrerinnen und Radfahrer und Fußgängerinnen und Fußgänger, sind sicherlich viel stärker als die, die nur ihren rechten Fuß ein paar Zentimeter bewegen. 

Die Begrifflichkeit „schwache Verkehrsteilnehmer“ ist, für die Verwender meist unbewusst, Teil der Kampfrhetorik in der Verkehrspolitik. Er wertet Fußgänger*innen und Radfahrer*innen als „schwach“ ab und Autofahrer im Umkehrschluss als „stark“ auf. 

Er impliziert, dass die Schwachen ja geschützt werden müssen, am besten mit dem natürlich gönnerhaft wohlmeinenden Rat der „Starken“, sich durch Helme und Warnwesten in kleine Autos verwandeln. 

Und er hält Menschen insbesondere vom Radfahren ab. Wer will schon zu den Schwachen gehören? 

Deswegen bitte ich Sie, auch in Ihrer Funktion als Leiter Ihrer Redaktion, den Begriff „schwach“ einschließlich aller Steigerungsstufen nicht mehr in Verbindung mit Radfahren und zu Fuß Gehen zu verwenden. 

Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir auch die Sprache verändern.

Mit freundlichen Grüßen Axel Fell Hauptstraße 32 50169 Kerpen 015115322886 axel.fell@gmail.com

Der Leserbrief wurde nicht als Leserbrief veröffentlicht, sondern als redaktioneller Beitrag im Kölner Stadtanzeiger am Samstag, 28.06.2025.

Einige Definitionen von „schwach“ in Online Wörterbüchern:

https://www.dwds.de/wb/etymwb/schwach

https://www.duden.de/rechtschreibung/schwach

Das alles sind Radfahrerinnen und Radfahrer eben nicht, im Gegenteil.

5 Kommentare zu „Wer ist hier schwach?“

  1. Avatar von puzzleblume

    Vor rund vierzig Jahren hat sich die Begrifflichkeit der Schwächsten im Strassenverkehr nach meiner Erinnerung hauptsächlich auf Kinder bezogen, gerne verwendet zum Schulanfang. Vielleicht sind da noch ein paar klischeehafte Textbausteine in den Köpfen hängengeblieben. Dennoch:

    Wäre „verletzlich“ besser? Es ist ja doch schwer, jedem gerecht zu werden, den Sportlichen, den jungen Schülern wie den Alten, die nicht mehr Autofahren wollen (hier bei uns im Wendland übrigens der häufigere Radfahrtyp). Sie sind alle verglichen mit KFZ ungepanzert, ungeschützt, leichtgewichtig und vor allem vielfach ohne Radwege unterwegs. Im Vergleich zu den PS-begünstigten und karosseriegeschützten Verkehrsteilnehmern eine starke Gruppe, aber in der körperlichen Gefährdung doch unterlegen. Hm. Muss man sich über die Wörter wirklich so aufregen?

    Sind nicht Menschen so verschieden in ihrem Verkehrsverhalten und der Wahrnehmung der Wörter, dass es wichtiger ist, die Sache und nicht das sprachliche Dekor zu verbessern?

    1. Avatar von warumichradfahre

      Ich habe absichtlich keine Alternativen vorgeschlagen. Denn ich weiß ja nicht, was die Verwender des Wortes eigentlich damit ausdrücken wollen. Ich vermute, dass in den meisten Fällen so eine Art väterliches oder mütterliches Bersorgtsein dahinter steckt und ein Beschützerinstinkt.

      Da müssen dann eben alle ihre passende Alternative finden.

      Aber ja, natürlich sind Wörter wichtig. Deswegen schreiben wir doch. Wir benutzen doch auch nichts anderes als Wörter und achten darauf welche Wörter wir benutzen, um uns auszudrücken. Und deswegen bin ich überzeugt davon, dass es wichtig ist, präzise zu sein, erst recht, wenn es um Leben und Tod geht.

    2. Avatar von warumichradfahre

      Das ist die Definition von schwach des digitalen Wörterbuches für deutsche Sprache:

      Bedeutungsübersicht
      1. körperlich nicht stark, nicht kräftig, geschwächt
      ● [übertragen] von einzelnen Organen und Körperteilen: nicht funktionstüchtig, anfällig
      2. charakterlich, willensmäßig nicht stark, labil, charakterschwach, willensschwach
      3. von geringer Stärke, keine Belastung aushaltend, dünn
      4. drückt qualitativ ein geringes Maß aus
      a) wenig, gering
      b) dürftig, unzulänglich, nicht ausreichend
      5. quantitativ, zahlenmäßig gering
      6. wenig gehaltvoll, wässrig, dünn
      ● nicht konzentriert
      7. von geringer Leistungsfähigkeit, leistungsschwach
      a) …
      b) von geringem Können
      8. [Sprachwissenschaft] in gegensätzlicher Bedeutung zu stark (9)
      a) ⟨ein schwaches Verb⟩
      b) ⟨schwach deklinierte Substantive⟩

      Wieso sollten Schulkinder das sein?

  2. Avatar von Olaf Lindner
    Olaf Lindner

    oweit ich mich recht erinnere, geht es lediglich darum, das Fußgänger und Radfahrer bei einem Aufprall oder Unfall mit einem Auto stets den Kürzeren ziehen, also „verlieren“ und schwerer verletzt sind als das Auto.
    Deswegen sollte der Autofahrer auch auf die beiden anderen Teilnehmer Rücksicht nehmen, weil er halt der „Stärkere“ oder stabilere ist. Der Radfahrer muss „nur“ noch auf Fußgänger achten, weil die sich mehr wehtun als der Radfahrer (im allgemeinen).
    Ich finde man sollte keine weitere Wortgefechtsfront aufmachen und fühle mich auch nicht herabwürdigt als „schwacher Verkehrsteilnehmer“ als Radfahrer. Wenn ich bessere und separate Radwege bekomme, dürfen die Autofahrer mich ruhig „schwach“ nennen.

    Gruß aus dem Kölner Norden

    1. Avatar von warumichradfahre

      Mich dürfen sie nicht schwach nennen. Und bessere Radwege will ich auch. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

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