
AGFS, Kerpen und die Realität des Radverkehrs – Warum Politik doch wichtig ist
„Insgesamt fahren die Menschen trotz alledem und nicht wegen der (radverkehrspolitischen) Maßnahmen.“
– Eine Mitstreiterin aus der ADFC-Ortsgruppe Kerpen
Einleitung: Warum ich eigentlich nicht über Verkehrspolitik schreiben wollte
Dieser Blog handelt vom Radfahren – und zwar von den schönen Seiten. Von Wind im Gesicht, von Freiheit, von Momenten, in denen die Welt für einen Augenblick stillzustehen scheint. Verkehrspolitik? Eher ein No-Go. Denn wer will schon über fehlende Radwege, ignorierte Anträge oder halbherzige Lösungen lesen?
Und doch – hier bin ich. Mit einer Geschichte, die zeigt, warum wir uns trotzdem damit beschäftigen müssen. Denn die schönen Seiten des Radfahrens kommen nicht von allein.
Was ist die AGFS NRW – und warum ist sie wichtig?
Die Arbeitsgemeinschaft Fahrrad- und Fußgängerfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in NRW e.V. (AGFS NRW) ist ein Netzwerk von Kommunen, die sich für eine nachhaltige, fahrrad- und fußgängerfreundliche Verkehrspolitik einsetzen. Gegründet 1988, unterstützt sie ihre Mitglieder bei der Planung und Umsetzung von Maßnahmen, die den Rad- und Fußverkehr attraktiver und sicherer machen.
Wie wird eine Kommune Mitglied?
- Antrag stellen: Die Kommune beantragt die Mitgliedschaft bei der AGFS NRW.
- Beschlussfassung: Der Vorstand der AGFS prüft den Antrag und entscheidet über die Aufnahme.
- Mitgliedsbeitrag: Nach Annahme zahlt die Kommune einen jährlichen Beitrag, der sich nach der Einwohnerzahl richtet.
- Verlängerung: Die Mitgliedschaft wird alle sieben Jahre überprüft. Die Kommune muss nachweisen, dass sie weiterhin aktiv an der Umsetzung fahrrad- und fußgängerfreundlicher Maßnahmen arbeitet. Kerpen hat nun einen Verlängerungsantrag gestellt – und genau hier kommt der ADFC ins Spiel.
Was bedeutet „fahrradfreundlich“ und „fußgängerfreundlich“?
- Fahrradfreundlich: Eine Kommune schafft sichere und attraktive Bedingungen für Radfahrer:innen – durch getrennte Radwege, sichere Kreuzungen, Abstellanlagen und eine gute Anbindung an den ÖPNV.
- Fußgängerfreundlich: Fußgänger:innen haben Vorrang, Gehwege sind breit, barrierefrei und sicher. Kurze Ampelphasen und verkehrsberuhigte Zonen machen das Zu-Fuß-Gehen angenehm.
Die AGFS NRW hilft ihren Mitgliedern, diese Ziele zu erreichen – durch Beratung, Fortbildungen, Modellprojekte und den Austausch von Best Practices.
Kerpen – meine Heimat, dein nächstes Ausflugsziel?
Bevor ich auf meine Radtour zu sprechen komme, wird mir klar: Ich habe hier im Blog noch nie richtig über Kerpen geschrieben. Dabei wohne ich seit über 30 Jahren in dieser Stadt im Rhein-Erft-Kreis, direkt zwischen Köln und Aachen. Zeit, das zu ändern!
Kerpen in Zahlen und Fakten
Alle Stadtteile von Kerpen im Überblick (Stand 2026)
Kerpen ist dezentral gewachsen und jeder Ortsteil hat seinen ganz eigenen Charakter. Hier ist die Übersicht mit den aktuellen ungefähren Einwohnerzahlen:
- Sindorf: ca. 18.200 Einwohner:innen (unser Kraftpaket mit S-Bahn-Anschluss)
- Kerpen-Zentrum: ca. 14.800 Einwohner:innen (hier schlägt das historische Herz)
- Horrem: ca. 13.100 Einwohner:innen (der wichtigste Knotenpunkt für uns Pendler:innen)
- Brüggen: ca. 4.900 Einwohner:innen
- Türnich: ca. 3.500 Einwohner:innen (bekannt für das wunderschöne Schloss)
- Balkhausen: ca. 2.600 Einwohner:innen
- Blatzheim: ca. 3.600 Einwohner:innen (inklusive Bergerhausen und Niederbolheim)
- Buir: ca. 4.000 Einwohner:innen (direkt an der Kante zum Tagebau, mit eigenem S-Bahn-Halt)
- Manheim: ca. 1.000 Einwohner:innen (der jüngste Stadtteil, entstanden durch die Umsiedlung)
Zusammen kommen wir auf rund 68.000 Menschen, die hier leben, arbeiten und – hoffentlich bald noch viel mehr – sicher Rad fahren. 🚴♂️
Wirtschaft und Infrastruktur
Kerpen ist wirtschaftlich stark – und vielfältig:
- Braunkohle: Der Tagebau Hambach (betrieben von RWE) prägt die Region. Der Ausstieg aus der Kohle ist hier kein abstraktes Thema, sondern gelebte Realität.
- Angesiedelte Unternehmen: Neben RWE haben sich hier Logistikzentren und Handelsunternehmen niedergelassen.
- Erft Carree: Ein modernes Einkaufs- und Dienstleistungszentrum am Rand von Kerpen-Mitte.
Anbindung an Verkehrsnetze
- Straße/Autobahn:
- A4 (Köln–Aachen) und A61 (Venlo–Hockenheim) führen direkt an Kerpen vorbei. Das Autobahnkreuz Kerpen ist berühmt berüchtigt.
- Die B264 und B477 verbinden die Ortsteile und die Umgebung.
- Eisenbahn:
- S-Bahn-Linie S19, die in Horrem, Sindorf und Buir hält und die S12 die in Horrem endet.
- Regionalbahn RB38 (Erft-Bahn) fährt von Bedburg über Kerpen nach Köln.
- Die Regionalexpresse RE1 und RE9, die beide in Horrem halten
Meine verkehrspolitische Radtour
Als der Verlängerungsantrag von Kerpen bei der AGFS NRW einging, waren wir als ADFC-Ortsgruppe gefragt: Stellungnahme abgeben. Wir haben uns als Team organisiert – und ich war dabei.
Doch bevor wir unsere Position finalisierten, wollte ich vor Ort prüfen, was wir da eigentlich kommentieren. Besonders interessierte mich noch einmal die Hauptverkehrsstraße durch Türnich, Balkhausen und Brüggen, die ja als Stadtteile direkt ineinander übergehen. In unserer Stellungnahme hatte ich geschrieben, dass es dort keine Radverkehrsanlagen gibt. Aber stimmt das wirklich?
Die Realität: Radfahren auf eigene Gefahr
Also schwang ich mich aufs Rad und fuhr die Strecke ab. Und siehe da: An den Ortseingängen gibt es jeweils etwa 100 Meter benutzungspflichtigen Radweg – auf dem sogenannten „Bürgersteig“. Danach? Nichts. Kilometerlang. Die Radfahrer:innen teilen sich die Fahrbahn mit dem Autoverkehr.

Und was machen sie? Sie fahren nicht. Gestern jedenfalls ist mir auf der gesamten Strecke nur ein einziger Radfahrer begegnet. Ein trauriges Fazit.
Die Fahrt selber seht Ihr als rote Linie auf meiner UMAP Kerpen Karte:
Warum das kein radverkehrspolitischer Blog ist – und warum er es doch sein muss
Mehr zur radverkehrspolitischen Situation in Kerpen und unserer Stellungnahme will ich jetzt hier gar nicht schreiben. Denn ich hatte mir ja vorgenommen, hier nur die schönen Seiten des Radfahrens zu zeigen. Aber manchmal geht das nicht. Denn die schönen Seiten – sichere Radwege, gut ausgebaute Netze, eine Kultur, die Radfahrer:innen willkommen heißt – die kommen nicht von allein.
Sie entstehen, weil Menschen sich engagieren. Weil sie Stellung beziehen, nachhaken, nicht aufgeben. Weil sie – wie meine Mitstreiterin so treffend sagte:
„Insgesamt fahren die Menschen trotz alledem und nicht wegen der (radverkehrspolitischen) Maßnahmen.“

Fazit: Jeder Meter zählt
Kerpen hat Potenzial. Die Stadt liegt zentral, hat eine starke Wirtschaft und eine lebendige Gemeinschaft. Aber Radverkehrspolitik hat hier noch Potenzial.
Also: Was sind eure Erfahrungen? Fahrt ihr in Kerpen oder anderen Kommunen mit ähnlichen Problemen? Wie sieht es bei euch aus? Schreibt’s in die Kommentare!
Und wenn ihr den Beitrag spannend fandet: Teilt ihn auf Bluesky oder Mastodon mit #Radverkehr #Kerpen!
Ich bin gespannt auf eure Geschichten – und freue mich darauf, sie beim nächsten Mal auf zwei Rädern zu erleben. 🚴♂️

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