Verwaltungsgericht Köln verhandelt zum Kölner Radverkehr
Pläne sind dazu da, geändert zu werden: Kurzfristig habe ich mich heute Morgen dazu entschlossen, dem Fahrrad den Vorrang im Gerichtssaal zu geben. Ich bin spontan nach Köln gefahren und verfolgte im Verwaltungsgericht Köln die heutige Verhandlung zur Radverkehrssituation und den Radnetzen in der Domstadt.
Wie steht es um die rechtlichen Grundlagen, die Umsetzung von Radentscheiden und die Pflichten der Stadt? Ich berichte für euch aus dem Gerichtssaal.
09:55 Uhr – Vor Ort im Gerichtssaal:
Plätze eingenommen, die Spannung steigt. Der Gerichtssaal füllt sich langsam mit Beteiligten, Presse und interessierten Bürgerinnen und Bürgern. Gleich geht es los!
10:00 Uhr – Warten vor verschlossener Tür:

Es ist 10:00 Uhr, aber der Gerichtssaal ist noch verschlossen. Davor drängeln sich bestimmt 30 Besucherinnen und Besucher – mutmaßlich die Parteien (Stadt Köln bzw. Bezirksregierung Köln sowie Vertreter des Radentscheids) und einige interessierte Bürger:innen. Die Spannung steigt. Ich bin gespannt, wann und wie es losgeht!
Drin

10:15 Uhr – Die Beteiligten stehen fest: Großer Spruchkörper übernimmt:
Der Gerichtssaal ist offen und die Verhandlung läuft! Ein deutliches Signal für die Tragweite des Verfahrens: Die Kammer verhandelt als großer Spruchkörper mit insgesamt fünf Richterinnen und Richtern. Die Beklagte – die Stadt Köln – zeigt heftige Präsenz und ist gleich mit fünf Vertretern erschienen. Auf der Klägerseite vertreten zwei Vertreterinnen und Vertreter den Fahrrad-Entscheid Köln, unterstützt von ihrem Anwalt. Der berichterstattende Richter fasst aktuell den Sachstand zusammen.
🔍 Recherche-Kompakt: Das Radverkehrshauptnetz der Stadt Köln
Das Kölner Radverkehrshauptnetz wurde im Sommer/Herbst 2022 von allen Kölner Bezirksvertretungen als zielweisendes Konzept beschlossen. Es umfasst insgesamt rund 1.800 Kilometer (bei einem Gesam Straßennetz von 2.800 km ohne Autobahnen):
Das „Gelbe Netz“ (~500 km): Hauptverkehrsstraßen mit hoher Kfz-Belastung. Hier fordert die Richtlinie eine baulich getrennte Radverkehrsführung (separater Radweg), um Unfälle zu vermeiden.
Das „Grüne Netz“ (~1.300 km): Nebenstraßen mit geringerem Autoverkehr und straßenunabhängige Wege (z. B. durch Grüngürtel/Parks). Hier soll der Radverkehr bevorzugt über Fahrradstraßen oder Mischverkehr geführt werden.
Der Knackpunkt vor Gericht:
Das Konzept galt bisher als unverbindliche Orientierung für künftige Verkehrsplanungen. Der Radentscheid Köln verlangt per Bürgerbegehren verbindliche jährliche Ausbauquoten (z. B. 40 km im Gelben Netz, 30 km Fahrradstraßen im Grünen Netz), während die Stadt Köln (Verwaltung/Rat) diese Forderung als rechtlich unzulässig einstufte und verweist auf die enormen Kosten und den Planungsaufwand.
10:20 Uhr – Forderungen, Kosten und das Radverkehrshauptnetz:
Aktuell verliest das Gericht die detaillierten Anträge des Radentscheids sowie die Erwiderungen der Stadt Köln. Es geht ans Eingemachte: Der Radentscheid beruft sich auf das 2022 von den Bezirken beschlossene Kölner Radverkehrshauptnetz (1.800 km Gesamtlänge). Die Initiative verlangt verbindliche Umsetzungsquoten per Bürgerbegehren, während die Stadt mit ihrer eigenen Kostenschätzung und verwalterischen Bedenken dagegenhält.
10:30 Uhr – Städtische Argumente für die Unzulässigkeit verlesen:
Jetzt geht es um die städtischen Argumente, warum das Bürgerbegehren aus Sicht der Verwaltung rechtlich unzulässig sein soll. Vorgeworfen werden formale Hürden – wie etwa ein unzulässiges Koppeln mehrerer Ziele oder die Starrheit fester jährlicher Ausbaukilometer. Aus der Perspektive von Aktiven und Radfahrenden im Saal wirken diese Begründungen schlicht hanebüchen und wie juristische Ausflüchte, um Verbindlichkeit beim Radnetzausbau zu verhindern. Die Atmosphäre im Saal ist spürbar angespannt!
10:35 Uhr – Einstieg in die Rechtserörterung: Richterin stellt Klagegegenstand klar:
Die Berichterstattung ist beendet und die Vorsitzende Richterin übernimmt das Wort. Sie stellt klagend fest, worum es im Kern geht: Die Zulässigkeit des Bürgerbegehrens. In ihrer Einordnung trifft sie eine wesentliche Klarstellung zum Charakter der Initiative: Das Bürgerbegehren greife einen ohnehin bereits vom Rat beschlossenen Grundsatz auf, um diesen mit konkreten Fristen und Quoten zu unterbauen – es soll damit schlicht „mehr Druck“ auf die Umsetzung gemacht werden.
10:40 Uhr – Detailprüfung: Wo ist das Bürgerbegehren bestimmt genug?
Die Richterin geht die einzelnen Punkte auf ihre „hinreichende Bestimmtheit“ durch – denn der Bürgerentscheid würde den Ratsbeschluss ersetzen und muss daher absolut präzise sein.
Gelbes/Grünes Netz & Rechtsabbieger: Bei der Aufteilung in Gelbes und Grünes Netz sowie bei Fachbegriffen wie der „freilaufenden Rechtsabbiegerspur“ sieht die Richterin kein Problem – das sei für Bürgerinnen und Bürger klar verständlich.
Knackpunkt Ausbauquote (40 km/Jahr): Hier zeigt sich das Gericht skeptischer. Die Frage lautet: Was genau fällt unter „Radwege auf oder an der Straße“ und was darf auf die 40 Kilometer angerechnet werden? Hier fehlt der Richterin aktuell die nötige Bestimmtheit.
10:55 Uhr – Unklarheiten bei Mindestbreiten und dem Begriff „Umbau“:
Die Richterin konkretisiert ihre Bedenken hinsichtlich der Bestimmtheit weiter. Neben der Kilometer-Quote stuft das Gericht auch die geforderte Regelbreite von 2,50 Metern als unklar ein – es gebe zwar viele Ausgestaltungsmöglichkeiten, aber es bleibe offen, was genau auf die Fläche angerechnet werden soll.
Ein weiterer Knackpunkt: Was gilt juristisch überhaupt als „Umbau“? Reicht dafür schon eine reine Änderung der Beschilderung oder Markierung aus, oder braucht es bauliche Maßnahmen? Da ein Bürgerentscheid wie ein Gesetzestext eindeutig sein muss, sieht die Kammer hier erhebliche Abgrenzungsprobleme.
11:55 Uhr – Richterin hinterfragt Ringe-Referenz und das „Grüne Netz“:
Die juristische Relevanz der Details wird immer größer. Die Richterin zieht die Verständlichkeit aus der Begründung des Begehrens in Zweifel und nennt zwei prägnante Beispiele:
Referenz Kölner Ringe: Im Text wird auf die Kölner Ringe verwiesen. Die Richterin fragt kritisch, ob diese als Musterbeispiel dienen sollen – weist aber direkt darauf hin, dass an den Ringen eben keine bauliche Trennung umgesetzt wurde, wie sie das Begehren an anderer Stelle fordert.
Problem im Grünen Netz (400 km Differenz): Das Begehren fordert pauschal Fahrradstraßen für das Grüne Netz. Von den rund 1.300 km des Grünen Netzes bestehen jedoch etwa 400 km aus Wegen (z. B. in Grünanlagen/Parks), die rechtlich gar keine Fahrradstraßen werden können. Die Richterin bezweifelt, ob den Bürgerinnen und Bürgern beim Unterschreiben dieser Größensprung und die tatsächliche rechtliche Machbarkeit klar sein konnte.
11:00 Uhr – Verbindlichkeit („sollen“) und Zuständigkeit der Gremien im Fokus:
Die Kammer prüft nun die formale Bindungswirkung und die Zuständigkeit – zwei hochkritische Punkte im NRW-Kommunalrecht:
Das Wort „sollen“ vs. rechtliche Bindung: Ein Bürgerentscheid bindet den Rat wie ein eigener Beschluss für zwei Jahre. Die Richterin hinterfragt kritisch, ob Formulierungen wie „sollen“ im Begehren überhaupt eine ausreichend verbindliche Rechtsfolge auslösen können oder ob sie zu weich sind.
Wer ist überhaupt zuständig? Ein Bürgerbegehren kann nur den Stadtrat binden. Im Kölner System sind für viele konkrete Straßenzüge und Fahrradstraßen jedoch die Bezirksvertretungen oder im Rahmen des Geschäfts der laufenden Verwaltung die Oberbürgermeisterin zuständig. Greift das Bürgerbegehren hier unzulässig in die Kompetenzen anderer Organe ein?
11:05 Uhr – Intensiver Schlagabtausch: Stellungnahmen der Parteien:
Nach der ausführlichen juristischen Einordnung durch die Richterin haben nun die Vertreter des Radentscheids (Kläger) und die Juristen der Stadt Köln (Beklagte) das Wort ergriffen. Es folgt eine intensive Debatte über die kritischen Punkte: Die Klägerseite verteidigt die Bestimmtheit und die Verbindlichkeit der Formulierungen, während die Stadt ihre juristischen Bedenken zur Zuständigkeit und Umsetzbarkeit untermauert. Der Argumentationsaustausch zwischen den Tischen läuft auf Hochtouren!
11:55 Uhr – Sitzungsunterbrechung: Klägerseite zieht sich zur Beratung zurück:
Kurze Pause im Gerichtssaal! Auf Antrag der Klägerpartei (Radentscheid Köln) hat die Vorsitzende Richterin die Verhandlung unterbrochen. Das Team des Radentscheids nutzt die Auszeit, um sich kurz zu beraten und die eigenen Argumente zu den aufgeworfenen Bedenken der Kammer (insbesondere zur Bestimmtheit und Zuständigkeit) noch einmal nachzuschärfen. Gleich geht es weiter!
12:10 Uhr – Verhandlung fortgesetzt: Fokus auf Kölner Ringe und Verständlichkeit:
Die Unterbrechung ist beendet und die Verhandlung läuft wieder. Die Klägerseite setzt nach der internen Abstimmung direkt bei der Kritik der Richterin an: Im Mittelpunkt steht weiterhin das Praxisbeispiel der Kölner Ringe und die Frage, wie verständlich die Verweise in der Begründung des Bürgerbegehrens für die Unterzeichnenden tatsächlich waren. Der Radentscheid versucht nun, die Bedenken der Kammer zur angeblichen Unklarheit auszuräumen.
12:15 Uhr – Die Spannung steigt: Entscheidung steht bevor!
Wir nähern uns dem Höhepunkt der Verhandlung! Die Vorsitzende Richterin hatte bereits zu Beginn angedeutet, dass die Kammer heute einen Beschluss fassen wird. Nach der intensiven Erörterung zur Bestimmtheit, Verständlichkeit und den Organzuständigkeiten steuern beide Seiten nun auf das Ende der mündlichen Verhandlung zu. Die Luft im Saal ist schneidbar – gleich zieht sich das Gericht vermutlich zur Beratung zurück!
12:35 Uhr – Akribische Aufarbeitung im Gerichtssaal:
Was auffällt: Es ist eine extrem ausführliche, fundierte und faire Diskussion. Die Fünfer-Kammer beleuchtet wirklich sämtliche Aspekte – von technischen Detailfragen über Kommunalrecht bis hin zur verständlichen Bürgerinformation. Nichts wird einfach abgewunken. Das zeigt, wie hoch das Gericht das Gewicht dieser Entscheidung für die Kölner Verkehrspolitik einschätzt.
12:45 Uhr – Anträge verlesen, Urteil verkündet später – Erste Tendenzen aus dem Saal:
Zum Abschluss wurden die Anträge beider Parteien formal verlesen – ohne weitere Anmerkungen. Die Vorsitzende Richterin (und Präsidentin des VG Köln) stellte eine Urteilsverkündung in etwa einer Stunde in Aussicht. Nach stundenlanger, hochintensiver Debatte habe ich mich auf den Heimweg gemacht.
Stimmung beim Verlassen des Saals: Unter den Beobachtern und Zuschauern herrschte weitgehende Einigkeit: Die Klägerseite dürfte es schwer haben. Die Zweifel der Kammer an der hinreichenden Bestimmtheit und Verständlichkeit des Begehrens (insbesondere zur Ausführung der Radwege und den damit verbundenen Anrechnungsfragen und dem Grünen Netz) wurden im Laufe des Vormittags schlicht zu deutlich formuliert.
Ich machte mich dann auf die Reifen und hatte noch ein witziges Erlebnis, doch dazu dann morgen.
In dem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe, erreicht mich die Pressemitteilung des Verwaltungsgerichts:
15:30 Uhr – Das Urteil ist da: Klage abgewiesen, Bürgerbegehren unzulässig:
Jetzt ist es offiziell: Das Verwaltungsgericht Köln hat die Klage des Kölner Radentscheids abgewiesen. Das Bürgerbegehren bleibt damit rechtlich unzulässig. Die bereits am Vormittag von der Gerichtspräsidentin geäußerten Zweifel an der hinreichenden Bestimmtheit und Verständlichkeit des Textes gaben letztlich den Ausschlag. Ein harter Dämpfer für die Initiative und die vielen Tausend Unterzeichnenden.
Der Fahrradentscheid ist unzulässig! Hatte sich abgezeichnet, leider.
https://www.vg-koeln.nrw.de/behoerde/presse/Pressemitteilungen/29_15102026/index.php


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